Zwei Wochen sind heute geschafft. Ein frostiger Ausblick begrüßt mich zur dritten Woche. Ohne den Ausgang am Wochenende wäre das bisher kaum auszuhalten gewesen. Wie schaffen das die Leute, die von weiter her kommen und lediglich Besuch erhalten? Das sieht sehr verkrampft aus. Man weiß nicht recht, wohin. Meist sind Kinder dabei, sodass sich auch intimere Momente auf dem Zimmer verbieten. Eigentlich bräuchte man hier am Wochenende eine Kinderbetreuung. Genug Omis sind ja da. Aber: “Der kleine Nils möchte aus dem Kindergarten abgeholt werden. Sofort!” klingt es dann durch die Flure und aus ist’s mit der gemütlichen Zweisamkeit. Ich bin richtig froh, schnell mal heimfahren zu können.
So hat die Liebste gestern wieder mich und meinen Durchhaltewillen aufgerichtet, der sich schon ziemlich verkrümelt hatte. Ein kleiner Spaziergang mit meinem Wuschel tat trotz Nieselregens allen Dreien gut. Der Kleine durfte mal wieder erfahren, wer hier das Herrchen ist, ich kam an die Luft und die Liebste hatte hundefrei. So ein Besuch zu Hause ist aber auch wie eine typische Wochenendbeziehung. Man erwartet so viel von den wenigen Stunden, dass der Druck vielleicht zu viel ist. Am Anfang mag man sogar ein bisschen fremdeln, um dann schon zur Halbzeit wieder den Abschiedsblues zu bekommen. Ein paar technische Dinge sind zu erledigen, Korrespondenz, Pflanzen gießen (ich hab den grünen Daumen als Einziger in der Familie) und kochen. Alles wertvolle Zeit, die vom Ganz-nah-sein abgeht. Trotzdem haben wir es uns gemütlich gemacht mit Adventskaffee, Stollen und Kerzchen. Und als krönenden Abschluss ein frugales Dinner: ein traumhaftes Maronensüppchen mit Bündner Fleisch und gebratene Jakobsmuscheln an Ruccola mit gratiniertem Ziegenkäse. Ein tolles Adventsessen als festlicher Kontrast zur sonst angesagten Diätküche. Hoffentlich bekomme ich heute Morgen nicht die Quittung auf der Waage!
Ich bekomme die Quittung. In Gestalt von Werten, die sich störrisch in den gleichen Regionen bewegen wie noch vor einer Woche. Mist! Dabei hatte ich mich doch so viel bewegt. Gefühlte 10 Kilo hätten es weniger sein müssen. Folglich muss ich diese Woche noch mal an der Schraube drehen. Gleich mit dem Frühstück fange ich an und reduziere den ohnehin schon mageren Belag.
Anschließend ist Massage angesagt. Den Rückfall am Samstag spürt selbst der Therapeut heute noch. Alles sei verhärtet. Und er macht sich dran, den guten Zustand von letztem Freitag wieder herzustellen. Auch die anschliessende Ultraschallbehandlung tut merklich gut. Die Therapeutin bestärkt mich, nach der Reha so viele Behandlungen wie möglich von meinem Orthopäden einzufordern. Nur die kontinuierliche Ultraschall-Therapie würde etwas bringen.
Um 9:00 Uhr ist Visite und ich ignoriere die Frage der Stationsärztin nach meinem Herzen. Das schlägt und hält ansonsten den Mund. Mein Knie ist das gefühlte Problem. Ich erzähle von den Schwierigkeiten, die ich nun wieder habe und bitte, endlich einem Orthopäden vorgestellt zu werden. Sie will den Kollegen wegen eines Termines konsultieren und streicht erst mal alle ergotherapeutischen Anwendungen, die das Knie belasten können. Adieu Gruppengymnastik, adè Fahrradfahren. Das wären nämlich meine nächsten Stationen gewesen. So bleibt heute als Schwerpunkt die Ernährung. Gleich nach dem Mittagessen geht es mit einem Seminar dazu los.
Heute Mittag gibt es Fenchelgemüse. Wahlweise zu Lachs oder Hähnchenschnitzel. Wir haben alle den Fisch gewählt. Eine sehr gute Wahl, denn das Stück ist riesig und gar nicht trocken. Es schwimmt, wie sich das gehört, ordentlich in einer butterlastigen Weisswein-Soße. Der Fenchel dagegen stößt auf allgemeine Ablehnung. Für die Meisten ist das kein typisch deutsches Gemüse. Ich mag Fenchel vom Grill ganz gerne. Da hat er noch Biss und das Raucharoma passt gut. Hier ist er tot gedünstet, weich und labbrig, furchtbar. Alle lassen ihn liegen. Ich vermute, dass man uns nachher in der Lehrküche deswegen die Leviten lesen wird. Zur Strafe müssen wir ihn bestimmt noch einmal zubereiten.
Um 13:00 Uhr dann also Ernährungsberatung. Die nette Diätassistentin zählt die 10 Gebote der mediterranen Küche auf und vergleicht mit der deutschen. Genauso gut hätte sie einen wunderschönen Schmetterling mit einem Nashorn vergleichen können. Die meisten verstehen nicht, worum es geht. Und stören durch dumme Einwürfe. Ich stelle fest, dass wir zuhause im Prinzip schon mediterran essen. Nur zu viel eben. Zwei bis drei Mal Fleisch in der Woche, zwei Mal Fisch und zwei bis drei Mal vegetarisch. Das kommt schon oft so hin. Vielleicht noch morgens schon Gemüse. Gegrillte Paprika, Tomaten, Zwiebeln. Viel Obst, viele Salate. Und bestes Oliven- oder Rapsöl. Alkohol am besten in roter Form, zwei bis drei Gläser in der Woche. Das hört sich alles sehr gut und einfach an. Das dicke Ende soll aber noch kommen…
Anschließend Stressbewältigungsgruppe. Heute sind die Mechanismen dran, wie wir mit Stress umgehen. Und umgehen sollten. Zuerst fragt die Therapeutin, wie viel Prozent unserer Energie wir glauben, an den Job, an die Familie und an uns selber zu verteilen. Sie malt einen großen Kreis an das Flipchart. Keiner sagt was. OK, ich melde mich und sage, dass das schwierig sei, es ehrlich zu beantworten. Denn wir denken ja alle, dass wir unseren Stress im Griff haben. So habe ich meinen Traumjob und käme nicht im Traum darauf, gleich unter jeder Anforderung zusammen zu brechen. Der Infarkt hat mich ja auch staunend erwischt. Ich habe ihn nicht erwartet, weil ich zu viel Stress gehabt hätte. Ich schätze also, dass ich vielleicht 50% meiner Energie für den Job vorsehe und je 25 % für Familie und mich. Gleich danach korrigiere ich die Prognose auf 70 % für den Job, 20 % für die Family und 10 % für mich, weil ich zugeben muss, dass ich mich beim ersten Mal verschätzt haben könnte. Alle schütteln den Kopf. Auch die Therapeutin. Mit diesen Werten sei ich ein Musterbeispiel eines ausgeglichen Familienmenschen. Jetzt melden sich die anderen: 95 %, 98 % 100 % für den Job, den Rest für die Familie und nix für sich. Die Therapeutin ist zufrieden mit diesen Antworten. Das hat sie von Infarkten erwartet. Ich nicht. Das ist doch Blödsinn! Wenn ich den Schlaf abziehe, müsste ich 17,5 Stunden arbeiten und höchstens eine halbe für die Familie opfern. Ich arbeite aber normalerweise keine acht Stunden, bin morgens eine Stunde und abends ab 18/19 Uhr mind. vier Stunden für die Liebste da. Ich lese und surfe privat für mich im Netz. Die Therapeutin bittet mich, eine Strichliste anzulegen, wann ich was für wen tue. Schaun mer mal…
Dann suchen wir typische Faktoren, die den Stress bestimmen und ihre Entsprechungen zur Stressvermeidung. Hier beißt sich die Katze wieder in den Schwanz: Gegen Zeitvorgaben soll das Timing helfen. Gleichzeitig aber soll die Fremdbestimmung gegen die Selbstbestimmung getauscht werden. Konkret hieße das ja, ich huste meinem Kunden was, wenn er mir einen Termin vorgibt, mache meinen eigenen Plan und überhaupt was ICH will. Klar kann ich das machen. Dann habe ich sogar Zeit ohne Ende. Und keinen Kunden mehr. Der selbständige Maurerpolier neben mir flippt gleich aus. Saublöde Theorie. Der Stress entsteht auch in diesem Seminar, weil noch so viele Fragen offen sind, die dreiviertel Stunde aber um. Ich beschwere mich. Drei Wochen bin ich hier. In der ersten Woche passierte psychologisch nichts. Jetzt habe ich pro Woche gerade mal eine Sitzung. Zwei Stunden psychologische Betreuung! Das ist doch ein Witz. Dabei rühmen sie sich ob der hervorragenden psychologischen Betreuung.
Ich muss die Diskussion mit der Therapeutin, die mich auf den Beschwerdebogen verweisen will, abbrechen, denn die Lehrküche ruft. Sieben Probanden sollen noch mehr über Ernährung erfahren und zusammen ein Beispielmenü kochen. Das wird bestimmt lustig, denn ich bin ein eingefleischter Solokoch, der sich angeblich nichts sagen lässt. Die Runde verspricht ebenso einen kurzweiligen Nachmittag. Mein cholerisches Tischherzchen ist dabei, die quasselnde, aufgebrezelte Oma vom Rundgang am ersten Tag, nebst einer älteren Italienerin, die man kaum versteht. Dazu ein bulliger, polternder Installateur mit ordentlicher Wampe und ein hessisches Simpel-Urgestein. Und ein greiser Weinkenner, der sich pausenlos ein Gläschen Chardonnay einfordert. Die nette Diätassistentin vom Vortrag vorhin verteilt ein Arbeitsheft und lässt über das Thema abstimmen. Wir können etwas über Fett und Cholesterin lernen oder über Kohlenhydrate. Ersteres ist spannender und gewinnt die Abstimmung.
Die Assistentin legt los und ganz viele kleine 10g Butterpäckchen vor sich hin. Sechs liegen in zwei Dreierreihen neben- und aufeinander, zwei hochkant auf dieser Buttermauer. Das ist die Fettmenge, die uns zugestanden wird. 60 Gramm, wer abnehmen will, 80 Gramm für den Rest der Menschheit. Davon ist die Hälfte zum Brote bestreichen und die Pfanne vorgesehen. Die andere Hälfte symbolisiert die versteckten Fette, die wir zu uns nehmen dürfen. Also alles Fett, das in den Lebensmitteln schon drin ist. Die Päckchen nehmen sich mickrig aus. Das kann doch nicht stimmen! Süffisant grinsend nimmt die gar nicht mehr so nette Assistentin einen Snickers Schokoriegel, legt ihn vor uns hin und stapelt 3 Päckchen Butter von dem Haufen der versteckten Fette darauf. Tja, meine Damen und Herren, da ist die Hälfte schon weg! Dann greift sie eine Plastik-Rindswurst und legt die verbleibenden 3 Päckchen Butter daneben. Alles weg! Und noch kein Brötchen dazu, keine Pommes, kein Kuchen, kein Abendessen, nichts mehr!
“Scheiße!!!” kommt es herzhaft aus Richtung des Installateurs. Jetzt legt die blöde Kuh nach: Eine Tafel Schokolade: 6 Päckchen Butter, eine kleine Tüte Chips: 6 Päckchen Butter. Erdnüsse ohne Fett geröstet? 1200 kcal!!! Die Teufelin grinst sardonisch: “Ich gehe morgens zu meinen Patienten, die auf 1.200 Kalorien gesetzt wurden und frage sie, ob sie heute was Vernünftiges essen oder lieber diese Nüsse haben möchten.” Oder was für den Geist? Nüsse sind ja so gesund: Macadamia: 1.600 Kcal!!! Und so geht das noch ein paar Minuten weiter. Ich habe eigentlich schon genug gehört und möchte diesen ungastlichen Raum sofort verlassen. Ich habe Hunger. Aber auch Wissensdurst. So höre ich mir die restlichen Gemeinheiten dieser Hexe an und wir arbeiten uns alle ziemlich verstört durch die Mappe. Cholesterin ist fast noch gemeiner als Fett. In allem, was wir gerne essen, steckt das böse LDL (Lass Das Lieber) drin: Schalen- und Krustentiere, also Muscheln und Garnelen und Innereien. Adiö, geliebte Kutteln! Pro Woche nur zwei Eier. Eins zum Frühstück, eines zum Backen. Wovon soll denn jetzt der nette Herr Höfler leben, dessen biologisch gefütterte und wahrscheinlich mit warmem Apfelwein massierte Wonneproppenhühner uns ihre Supereier liefern?
Dann geht es ziemlich unmotiviert an’s Kochen. Ein komplettes Menü soll es werden: Zwiebelsuppe mit Käse überbacken, Lachs auf Paprika-Fenchel-Gemüse an Annakartoffeln, Apfel-Mango-Melonen-Frappè und zum Cappucino ein paar italienische Mandelplätzchen. Mein Tischnachbar-Herzchen zuckt zusammen: Fenchel! Ich hab’s ihm doch gesagt. Iss das auf, hab ich ihm gesagt, sonst müssen wir das nachkochen. Jetzt haben wir das Gemüse! Wir verteilen die Rollen. Ich darf die Kartoffeln schälen und in dünne Scheiben schnippseln. Leider machen zwei der Herren auch mit. Ich krieg beinahe die Krise, weil die die Scheiben viel zu dick schneiden. Ignorante Anfänger! Die Kartoffeln werden in eine Auflaufform geschichtet wie zum Gratin, mit Muskat gewürzt und mit Gemüsebrühe übergossen. Ab damit in den Ofen. Dann weise ich jede weitere Unterstützung energisch von mir und widme ich mich dem Frappè, schnippele ganze Äpfel (mit Schale), eine Mango und eine Honigmelone in kleine Stücke und püriere diese in einer hohen Schüssel. Mit Süßstoff soll nachgesüßt werden. Das reicht mir natürlich nicht. Es muss, Originalzitat meiner Liebsten, “immer noch ein bisschen Schischi rein!”. Ferz mit Kricke wie der Hesse sagt. Ich meine etwas Zimt, denn es ist ja Vorweihnachtszeit und natürlich ein gutes Händchen voller Chiliflocken. Da werden meine Beiköche aber Augen machen. Statt Minze, die die Assistentin vergessen hat, einzukaufen, nehme ich Basilikum und streue es oben auf die bis zum Rand gefüllten Dessertgläser. Ab damit in den Gefrierschrank.
Die anderen sind mit der Suppe soweit. Das Gemüse ist fertig gedünstet und mit Kräutern abgeschmeckt. Die kommen auch über die gebräunten Annakartoffeln. Man streitet noch über die Knoblauchmenge in der Suppe und Opa verlangt kategorisch nach einem süffigen Madeira, ohne den die Suppe einfach zu trocken wäre. Dann wird aufgetischt. Die Suppe war noch im Ofen mit einem Hauch fettreduziertem Käse versehen worden. Nun ja, so geht es zur Not auch. Schmeckt aber supergut! Nachdem sich die Brandblasen auf der Zunge zurück gebildet haben. Schade nur, dass es ein winziges Tellerchen voll war. Mit diesen Zwergenservicen haben sie es hier.
Der Lachs kommt in die beschichtete Pfanne, der die Hexe einen kurzen Blick auf eine Flasche Rapsöl gegönnt hatte. Es brutzelt verführerisch. Knusprig glänzt der Fisch auf dem Gemüse, umrandet von den goldgelben Anna-Kartoffeln. Es schmeckt göttlich! Nur Opa meckert. Er vermisst einen fruchtigen Chardonnay. Es gibt sogar Nachschlag von allem (natürlich mit zusätzlichen Kalorien, die gar nicht mitgerechnet werden).
Wohlig widmen wir uns dann der Frappè. Es gibt sogar Applaus für meine Würze, die Hexe ist begeistert und fängt an, mit mit zu flirten. Versuch es erst gar nicht, Schlange! Opa gefällt das Dessert natürlich überhaupt nicht. Es fehlt der Alkohol. Die Stimmung ist auf dem Höchstpunkt. Es heißt Abschied zu nehmen. Der tumbe Hesse drängt zum Aufbruch, denn er hofft, noch Abendbrot zu bekommen. Opa will zügig in die Cafeteria, ein Weinchen petzen. Die Italienerin quasselt unter Einsatz aller ihrer Hände mit der aufgebrezelten Dame. Die beiden werden noch Morgen hier sitzen.
Wir überlegen, ob es nun auch einen Spülkurs geben wird und wer die armen Schweine sind, die den belegt haben. Zu spät erkennen wir, dass dies für uns die letzte Lektion des Abends ist. Aufräumen ist angesagt. Zum Abschluss gibt es die gebackenen Plätzchen, hübsch in zweifarbige Servietten gehüllt. Die werde ich mir später im Zimmer als Gute-Nacht-Gutzchen auf der Zunge zergehen lassen. In Wirklichkeit erleben sie nicht mal mehr die Treppe dorthin. Einfach köstlich!




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