Brutal reisst mich das iPhone aus dem Schlaf. Vor der vereinbarten Zeit! So geht das gar nicht! Entweder der Hahn weckt mich, oder Putzi. Jetzt aber klingelt das Telefon. Die Liebste. Mitten in der Nacht?! Mein Gott, was ist los?! Sie flötet einen Guten Morgen. Es ist fast sieben und wähnte mich schon auf. Kann ich dieser Frau böse sein?! Noch ziemlich verdattert wünsche ich auch einen guten Morgen und will zu ihr rübergreifen. Aber da ist ein leeres, kaltes Bett. Mist. Gerade jetzt hätte ich noch ein viertel Stündchen an ihrem warmen Körper gebraucht. Um 3, um 4, um 5 Uhr war ich in der Nacht wach geworden, hatte intensiv irgend einen Mist geträumt. Immer wieder das Selbe: Höhnisch lachende Schokoriegel tanzten mit Rindswürsten um mich herum und ich schmachtete hungrig wie ein Verdurstender in der Wüste. Ich weiß gar nicht, ob mir die Reha so gut tut.

Heute sind Schneeketten an den Fahrrädern angesagt

Das Programm beginnt heute sanft mit Ultraschall erst um 9:10 Uhr. Ich kann also gemütlich frühstücken. Vielleicht ist ja auch schon ein neuer Tagesplan da. Ich soll ja zum Knie-Doc. Also erst mal in die Box geschaut. Leer. Mist. Was mach ich jetzt mit den ganzen sportlichen Anwendungen? Gestern waren sie doch gestrichen worden. Na, mal sehen, Ich geh einfach tapfer hin. Beim Frühstück beäugen wir misstrauisch gegenseitig den Teller der Nachbarn und machen uns darauf aufmerksam, dass wir für heute unser Fett damit schon weg haben. Mein Gott, eigentlich dürften wir gar nichts frühstücken. Da bleibt ja nichts mehr für den Rest des Tages! Gut, ich nehme Halbfettmargarine, was anderes ist ja nicht da. Gestern hatte die Kochhexe noch als Alternative Miracle Whipp So Leicht empfohlen. Nur 5,2 % Fett. Zuhause nehme ich die schon lange. Hier fehlt sie. Jetzt noch die fettarme Wurst und den fettreduzierten Käse berechnen. Die Fettanteile sind angegeben, leider nicht das Gewicht. Und was ist in den Vollkornbrötchen (wirklich sehr lecker) an Fett drin? Wir schätzen und drücken es uns mit schlechtem Gewissen rein. So macht das keinen Spaß.

Nach dem anschließenden Ultraschall mit Extra-Portion Voltaren habe ich ein Date mit dem Sozialdienst. Ich möchte wissen, welche Möglichkeiten ich habe, wenn ich nicht voll weiter arbeiten kann. Ich soll ja erst mal halblang machen. Der junge Sozialarbeiter würgt meine Erklärungen und Schilderungen der beruflichen Situation gleich ab. Ich solle einen Termin mit einem Berater der Deutschen Rentenversicherung machen. Das ginge auch hier im Hause, nur eben jetzt vor Weihnachten nicht mehr. Ahjah, ich bin ja auch erst seit gestern hier. Hätte man ja auch mal früher dran denken können. Die Rentenversicherung bietet neben dem Krankentagegeld auch Überbrückungshilfen an. Sie ist sogar für die Vermittlung von geeigneten Arbeitsstellen zuständig und gibt den Arbeitsagenturen einen Sperrvermerk, dass die mich nicht ohne Weiteres irgendwo hin vermitteln können. Auch die Frage der Frühverrentung wird dort geklärt. Ich bekomme eine Adresse ganz in der Nähe meines Wohnortes und rufe da gleich mal an. Ich soll nächstes Jahr wieder anrufen. Momentan seien alle Termine belegt und neue gibt’s erst wieder im Januar.

Da nichts Gegenteiliges auf dem Plan steht, erscheine ich pünktlich zum Fahrradfahren, nicht ohne Protest anzumelden. Eine Nachfrage bei der Ärztin geht in’s Leere, die Dame ist nicht im Haus. Nach zähen Verhandlungen erreiche ich einen 50 % Nachlass auf die Fahrtzeit. Alles geht gut und ich mache mich auf den Weg zur Gruppen-Gymnastik. Dort will ich ebenso um die Teilnahme feilschen, aber das blonde Gift ist hartnäckig. Sie will mich leiden sehen. Ich solle es auf jeden Fall erst einmal versuchen. Dann verteilt sie Matten und verlangt von uns, vor ihr auf die Knie zu gehen. Nicht das ich nicht grundsätzlich vor Weibern knien würde. Es sind ganz einfach orthopädische Gründe, die das z.Zt. unmöglich machen. Also weigere ich mich. Sie zeigt mir, wie ich mich auf die Matte fallen lassen kann, ohne die Knie zu belasten. Ich solle dann eben nur die Bauchübungen mitmachen. Der Bauch allerdings zwingt mich zunächst in eine Maikäferhaltung. Ich liege auf dem Rücken, die Extremitäten in der Luft rudernd und komme mir reichlich blöd vor. Die Trainerin hat ein Einsehen und bricht für alle diese Übung ab. Wir können wieder aufstehen. Wenn wir können. Ich kann nicht. Ein anderer Patient will mir aufhelfen, scheitert aber an meinem Gewicht. Ich rufe nach einem Wagenheber. Aber dann klappt es doch noch. ich stehe wieder aufrecht, die Knie schmerzen höllisch und ich komme mir verarscht vor. Der Rest der Übung ist ein neckisches Ballspiel. Wir bekommen jeder eine Nummer und müssen der jeweils höheren Nummer den Ball zu werfen, wenn ich den zuvor von der vorangehenden Nummer denn gefangen habe. Hört sich leicht an, ist es aber nicht. Denn wir sollen alle durcheinander rennen. So sieht es in einem Ameisenhaufen aus. Chaos pur. Mein Knie hat sich verabschiedet und schweigt stille.

Das Mittagessen bringt uns ein neues Herzchen. Der freut sich auch, an Weihnachten endlich mal von seiner buckligen Verwandtschaft befreit zu sein. Ich wäre gerne von der Pizza mit Paprika und Kochschinken befreit worden. Pizza geht hier gar nicht. Wegen des Fettgehaltes ist sie wieder sehr übersichtlich ausgefallen. Hätte ich nur das Rindergeschnetzelte genommen. Die anderen haben und freuen sich. Ich hol mir noch eine Suppe und reichlich Obst.

Nach dem Mittagessen gehts zur Massage, wie immer sehr wohltuend. Das werde ich vermissen. Ob die Liebste das vielleicht auch kann? Der Massage habe ich es zu verdanken, dass ich die anschließende Treppenralley sehr gut überstehe. Ohne Lock-Weib steige ich souverän die Stufen hoch wie ein junger Gott. Der Trainer ist beeindruckt und befreit mich für den Rest der Woche von dieser Tortur. Jetzt nur noch Laufband. Auch das klappt hervorragend. Es wird eine Stufe schneller und die Steigung höher. So laufe ich fast einen Kilometer an einem Stück ziemlich zügig. Das hatte ich zuletzt im letzten Jahrtausend geschafft.

Der Nachmittag schließt mit einem Seminar über die Koronare Herzkrankheit ab. Was passiert bei einem Infarkt genau, was für Unterschiede gibt es, wie kommt es dazu, welche Risikofaktoren gibt es, wie kann ich sie vermeiden. Der Arzt referiert anschaulich und sehr gut. Einerseits vermittelt er uns Wissen, was uns wieder ein Stückchen sicherer macht. Andererseits haben wir aber auch Sorge, ob wir die Risikofaktoren wirklich werden beseitigen können. Denn nun gehören wir zum Club. Austritte sind leider nicht möglich, aber man kann die Zugehörigkeit entscheidend verlängern. Oder man wird brutal und endgültig rausgeschmissen.

Zum Abendbrot wirkt noch das schlechte Gewissen. Ich esse einen Zwergenteller Erbsensuppe und zwei Zwergenschüsseln Salat. Also nur den Salat. Nicht die Schüsseln. Obwohl – sie haben kaum Fett, warum also nicht? Man kommt hier dauernd in’s Grübeln.