Was ist die grausamste Art, einen Tag zu beginnen? Ist es der Hahnenschrei des Weckers? Die antiquarische Mischbatterie der Dusche, die rhythmisch von kochendheiß auf eisekalt springt? Putzi? Ein plapperndes Töchterlein? Nein, es geht noch viel schlimmer. Die Mutter der grausamsten Tagesbeginne ist ein Tischnachbar aus Dooortmund, der Fußball über alles liebt, am Frühstückstisch. Das Exemplar, das gestern frisch eingetroffen ist. Er ist ziemlich sauer, dass er gestern nicht das Dortmunder Pokalspiel gesehen hat. Er wusste nicht, dass es hier per Sky live übertragen wurde. Statt dessen hatte er in der Cafeteria ein Weizen geschlürft. Nun hadert er, ist sowieso sauer, weil sein Verein um ein Haar eine Klatsche bekommen hätte. Sein Tag ist gelaufen, bevor er richtig angefangen hat. Meiner auch. Denn nichts ist schlimmer, als wenn man nicht mal kompetent dazu schweigen kann, weil man vom Fußball nix versteht.

Als erstes muss ich dann auch noch aufs Fahrrad. Mit vollem Bauch keine gute Idee. Meine Oberschenkel sind auch dieser Meinung. Anschließend um kurz nach 9:00 Uhr ist Visite. Diesmal rauscht die Oberärztin rein, gefolgt von der verhuschten Assistenzärztin. Sie sieht mich das erste Mal und will erst mal wissen, wie das mit meinem Bart ist. Das Übliche. Wir schäkern eine Weile, die Assi verdreht die Augen. Es warten ja noch 269 andere Patienten. Dann kommt sie zur Sache: Meine Werte sind alle hervorragend, ich solle so weiter machen, vor allem mit Sport. Drei mal die Woche eine halbe Stunde aus der Puste kommen ist meine Lebensversicherung. Sie bespricht die Medikation, freut sich, dass ich mit diesem Blutverdünner den Rolls Royce unter den Blutverdünnern bekäme. Ach, sie macht mich richtig stolz. Und schon rauscht sie von dannen. Die kann öfter kommen. Sieht auch gar nicht unflott aus.

Es wird weihnachtlich aufgerüstet

Auf dem Weg zur Gruppengymnastik treffe ich die armen Schweine, denen das Treppensteigen bevor steht. Hoch erhobener Nase schreite ich an ihnen vorüber. Weicheier! Ich darf ja nicht mehr, sonst würde ich denen voran stürmen und mal zeigen, wo Barthel den Most holt (ganz oben unter dem Dach, hä, hä, hä!). Ich könnte das natürlich auch den Genossen bei der Gruppengymnastik zeigen. Aber angesichts der Trainerin wird meine große Klappe ziemlich klein. Heute ist die schlimmste Schinderin von allen dran. Sie liebt Ballspiele. Ich nicht. So werden wir auch heute keine Freunde. Mein Puls liegt danach um 12 Schläge höher (in der viertel Minute), was sie leicht zusammenzucken lässt. Das ist grenzwertig. Sie macht mit mir Atemübungen und der Puls beruhigt sich sehr schnell. Ich sage ihr nicht, dass bei ihrer blonden Kollegin der Puls nicht so schnell wieder runter geht. Man will ja nicht uncharmant sein.

Und schon wieder ist Mittagspause. Der Doooortmunder hadert immer noch. Das kann ja lustig werden. Ich schiebe mir den Krautwickel rein und schlürfe das etwas flüssige Kartoffelpü hinterher. Alles sehr lecker. Fast wie bei Muttern. Das hatte ich ewig nicht mehr gegessen. Alle anderen sind auch des Lobes voll. Nur ein weiterer Neuer nicht. Wirklich kein Herzchen. Ein doppeltes Knielein. Deshalb bobbert er auch doppelt so viel wie die anderen Orthos. Mir fällt auf, dass Orthos sich mehr aufregen als Herzchen. Klar, denen steht der Infarkt ja auch erst bevor.

Geschmückt wird gnadenlos überall

Geschmückt wird gnadenlos überall

Im Haus wird schwer aufgerüstet. Nun bricht die Weihnachtsstimmung gnadenlos durch wie weiland in Stenkelfeld. Die Rollis fahren Slalom um die zahlreichen Leitern, die im Wege rum stehen. Auf ihnen fluchende Hausgeister, über und über mit Dekokram bedeckt wie Rudolf, das rotnasige Rentier auf Speed. Überall hängen grüne Plastikgirlanden und fette, güldene Putten grinsen debil auf die Patienten runter. Sterne in allen Größen und Strahlformen, Glöckchen (gottseidank kastriert und somit still) und flirrendes Lametta. Elektrische Kerzen blinken fröhlich in den grellsten Bonbonfarben. In meinem Postfach entdecke ich eine kitschig gestaltetet Einladung des hiesigen Pfarrers zur Weihnachtsfeier am Samstag in der klinikeigenen Kapelle. Den Speisesaal beherrscht eine riesige Fichte, getarnt als Nordmanntanne. Noch ist sie nackt. Aber die darum drapierten Kartons lassen erahnen, in welcher Pracht sie bald erstrahlen wird. Die armen Patienten, die in der Nähe sitzen. Ich würde ihnen dunkle Ray Bans spendieren. Cool durch Zufall, hier sitzen zu müssen.

Um 13:30 Uhr darf ich zur Konzilvisite beim Orthochef. Ein rundlicher, verschmitzt aussehender Tscheche begrüßt mich freundlich. Fritz Muliar hätte ihn bestens spielen können. Ich bin unwillkürlich an diesen längst verstorbenen Schauspieler erinnert. Der Arzt hat ein ansehnliches Bäuchlein. Für einen Orthopäden und Sportarzt nicht gerade Vertrauen erweckend. Wenn da nicht der “vergniegte” Ton wäre, der ihn so vertraut scheinen lässt wie den legendären braven Soldaten Schwejk. Er schaut auf meine Laufkarte, schwenkt den Blick auf einen Kalender und lacht lauthals ein fröhliches Keckern. Ich sei ja nur noch drei Tage hier, was solle er denn da noch mit mir anfangen! Da kann ich ihm nur beipflichten. Scheißladen. Ich hatte ja gleich bei der Aufnahme drum gebeten. Irgendwie hat er Mitleid mit mir und will mich wenigstens mal untersuchen. Ich schildere meine Probleme, er nickt wissend und bittet mich auf den Untersuchungstisch. Drückt hier und da, lacht immer wieder kurz auf. Schön, dass er seinen Spaß hat mit mir. Ich möchte auch lachen.

Dann muss ich mich auf den Bauch legen und darf ihm meine Kniekehlen obszön frei machen. Mit einem Ultraschallkopf setzt er kurz an und lacht triumphierend auf. “Jooh, do hammir jo Brobläääm!”. Er entschuldigt sich noch für das etwas altersschwache Gerät, das nicht so hoch auflösen würde und verkündet seine Diagnose. Es ist eine riesige Zyste ganz tief in der Kniekehle. Heureka, es ist gefunden! Unglaublich, dass mein Orthopäde und zwei Krankenhäuser das nicht gesehen haben. Der brave Schwejk empfiehlt mir eine weitere Diagnostik mittels besserer Ultraschaller oder ein MRT, wobei er beim MRT Schwierigkeiten sieht wegen meines Stents. Die magnetischen Spulen dieser Geräte ziehen alles Metallgewebe im Körper an. Mag ich mir momentan gar nicht vorstellen. Ich solle da aber ins nahe gelegene Krankenhaus gehen, der Chef dort sei ein Spezialist für Knie. Man könne entweder eine Punktierung oder eine Spiegelung versuchen, was aber z.Zt aber auch blöd ist wegen der Blutverdünnungsmittel. Man könne auch zur Not mit so einer Zyste leben und sich entsprechend vorsichtig bewegen (was doof ist, da ich ja Sport treiben soll). Medikamentös ist es kaum besser zu behandeln. Evtl. Schmerzmittel, wenn es zu doll weh tut. Man glaubt gar nicht, wie erleichtert ich bin, endlich zu wissen, was los ist. Jetzt kenne ich den Feind und kann ihm begegnen. Auch wenn es zunächst vielleicht nicht einfach ist. Ich habe beschlossen, dass es für dieses Jahr reicht mit schlechten Nachrichten. Und nächstes Jahr würde ich gerne eine Auszeit von den Katastrophen nehmen. Allerhöchsten noch heiraten.

Letzte Station für heute: Laufband. Der Patient vor mir ist schon zum zweiten Mal nicht erschienen und so hat mich der Therapeut angerufen, ob ich nicht früher kommen wolle. Klar doch, ich fiebere geradezu danach. Nach Pulsmessen (130:80) eröffnet er mir, dass die (eigentlich ziemlich unattraktive, wenn ich mir’s recht überlege) Oberärztin mir faulem Sack Beine machen will. Sie hat die Geschwindigkeit und die Steigung erheblich nach oben gesetzt. Meine Muskeln tun schon weh, bevor ich einen Meter gelaufen bin. Der Therapeut beruhigt mich. Ich könne ja jederzeit aufhören. Also renne ich los und merke schon nach wenigen Minuten, dass ich das heute kaum überleben werde. Nach 5 Minuten kämpfe ich mit meinem innern Sauhaufen, der jetzt abbrechen will. Eine Minute noch, feilsche ich mit ihm. Eine viertel Minute und ich lass Dich umfallen, du Spinner, bekomme ich als Antwort. Gut dass er nicht mehr viel zu sagen hat. Nach sieben Minuten feuert mich der Trainer an: die letzten drei Minuten! Ja schon, aber die werden immer länger! Da stimmt was nicht mit dem Gerät. Der Therapeut ist humorlos und erklärt mir umständlich, warum einem die Zeit zum Ende hin immer länger vorkommt. Die Thüringer sind richtig gut, aber Quatsch machen kann man mit ihnen weniger.

Ich falle nach exakt 10 Minuten vom Laufband. Der Blutdruck rast bei 170/100, der Puls ist aber auf moderaten 100. Ich gehe in die Torwarthaltung, wie ich es gelernt habe und setze die Lippenbremse ein. Das bedeutet nicht, dass ich mit den Lippen das Laufband stoppen muss, sondern ich gehe mit den Händen auf die Knie und stütze mich dort breitbeinig ab. Dabei atme ich durch die Nase ein und lasse den die Luft beim Ausatmen zwischen den Lippen entweichen, die leicht geschlossen sind und somit die Luft abbremsen. Das ist eine sehr effektive Methode, den Blutdruck und den Puls zu senken.

Bevor mir am Nachmittag die Decke auf den Kopf fällt, beschließe ich ins Dörfchen zu fahren und ein paar Store Checks zu machen. Vor Weihnachten kann man sich nirgends so umfassend und tiefenwirksam kasteien wie in den Supermärkten. Die Genüsse pflastern zahllos den Weg durch die prallen Regale. Ich habe unglaublichen Hunger und kämpfe mit mir. Vielleicht bin ich auch nur schwanger. Ich kaufe Gewürzgurken und sauer eingelegte Heringe. Der Abend könnte lang werden.

Die freie Zeit vergeht rasch im Paradies. Viel zu schnell naht der Abend und das Abendbrot. 17:45 Uhr machen die schon den Saal auf und die Darbenden strömen ein wie die Sintflut. Ich könnte jetzt ein ganzes Rind vertilgen und ströme mit. Lecker Salätchen und Minifrühlingrollen gibt es. Ich hau mir den Ranzen voll, auch wenn die süßsaure Chilisoße fehlt, ohne die es sonst gar nicht geht. Der Doooortmunder quasselt in einer Tour mit vollem Mund über Gott, die Telekom und die Welt. Dann wechselt er zum neuen iPhone und zieht über Apple her. Der Kerl ist ein regelrechter Apple-Hooligan. Ganz langsam und lasziv ziehe ich mein iPhone raus und schaue gelangweilt nach neuen Mails. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie er zu mir rüberschielt. Dann ist er plötzlich still. Für eine erholsame Minute. Dann wendet er sich mir zu und erzählt, wie beschissen sein HTC sei. Plötzlich ist Android der letzte Dreck und er überlege sich, ein iPhone zu kaufen. Aber nicht von Appel. Der Kerl ist ein Brechmittel. Die Frühlingsrollen behalte ich aber bei mir. Bezahlt ist bezahlt. Auch wenn die BFA die Sause übernimmt.

Heute Abend soll es am Haupteingang eine musikalische Überraschung geben. Die Stones werden wohl kaum zum 50. Bühnenjubiläum aufspielen. Ich tippe auf die örtliche Feuerwehrkapelle oder die Altherrenmannschaft des Kurorchesters. Wenn’s ganz schlimm kommt, ist es der Landfrauenchor. Obwohl … wenn sie Plätzchen mitbrächten … Nein, ich stopfe mir die Kopfhörer rein und gönne mir ein wenig Stoppok.

Nicht die Feuerwehrkapelle. Alphornbläser waren es!