Die tiefen Töne der Alphörner klingen noch in meinen Ohren. Die haben ja gestern Abend geblasen, was das Zeug hielt. Schade, dass das Wetter so gar nicht passte. Die Hörner müssen ganz schön voll gelaufen sein. So ein Alphornkonzert hat etwas Erhabenes, ähnlich einem Orgelkonzert. Da geht einem das Herz uff wie en Krebbel, wie der Hesse sagt. Hätte es noch so schön Schnee gehabt, wie Vorgestern, wäre ich vor Ergriffenheit gestorben. Während die meisten Patienten sich draussen nasse Füße holten, hatte ich die Tür zur Terrasse aufgemacht und die Show von oben genossen. Fast wie in einer Loge.

Heute Morgen bin ich ganz alleine beim Frühstück. Ich bin zu spät runtergekommen, was sich nun als Vorteil erweist. Denn die Fußballnarren hocken jetzt in der Cafeteria und echauffieren sich dort noch über die gestrige Pokalpleite von Mainz 05. Dieser Kelch ging an mir vorüber. So lass ich es mir richtig schmecken. Der Neue von Gestern scheint gar nicht mehr zu kommen oder er war schon da. Überhaupt könnte man alle verbliebenen Patienten an einen Tisch setzen, so leer ist es. Ich schäkere ein bisschen mit der jungen Servicekraft, die eine neue Frisur nebst neuer Brille hat und irgendwie viel intellektueller aussieht als gestern. Ich weiß nicht, was mich reitet, ihr das auch zu sagen. Ich bin wohl der Einzige, dem das aufgefallen ist, oder der was gesagt hat. Sie war ja vorher schon extrem freundlich. Jetzt hat sie mich adoptiert. Vielleicht will sie mich sogar heiraten. Auf jeden Fall werde ich mit größeren Portionen beim Abendessen rechnen können.

Die Krankengymnastik, bzw. die Massage lockert meine Muskeln gut auf, sodass die Ergometrie mit mir, bzw. ich mit ihr, ihre Freude habe. Das Fahrrad schnurrt nur so vor sich hin. Sebastian Fitzeks Augensammler lässt sowohl meine Adern gefrieren als auch die 30 Minuten im Fluge vergehen. Alles klappt jetzt ziemlich reibungslos. Ich könnte noch Wochen oder Monate hier verbringen. Komisch: Jetzt, wo wir so nett zusammengefunden haben, die Klinik und ich, schmeissen sie mich bald raus.

Das berühmte Kaminzimmer im Fachwerkhaus

Fast hätte ich mich bei der Psychologin, bei der ich anschließend noch ein Gespräch habe, darüber beschwert. Aber ich will ihr die letzten Minuten mit mir nicht so schwer machen. Sie gibt mir noch Tipps, wie ich einen geeigneten Therapeuten finde, macht mir aber gleichzeitig nicht viel Hoffnung, gleich den richtigen zu finden. Logischerweise kommt es sehr darauf an, dass die Chemie stimmt. Deshalb bezahlen die Krankenkassen auch bis zu fünf Probestunden. Ich solle mich also nicht scheuen, ein paar auszuprobieren. Das würde zwar Zeit kosten, weil die meisten überlaufen sind, aber es lohne sich bestimmt.

Selbst die Gruppengymnastik bei der Schinderin ist heute ein Spielchen. Sogar die Bälle liegen mir heute und ich muss nur zwei Mal hinter mich greifen. Vielleicht steht mir noch eine Handballkarriere offen. Auch der Blutdruck und der Puls sind bestens. Was kann heute noch passieren?!

Mittags wieder das gleiche Glück wie morgens: Allein am Tisch! So schmecken die beiden Lammhacksteaks mit Böhnchen und Kartoffeln noch mal so gut. Witzig: Die Hacksteaks sind wie große Lampchops geformt, schmecken schön lammig und knofelig. Nur die Böhnchen lassen den Speck vermissen. Na gut, muss ja nicht sein (in einem Lokal hätte ich den Koch dafür entmannen lassen!). Noch ein Salätchen dazu und ein Schokodessert hintendrein. Das Leben kann so schön sein.

Wenn da nicht die Kundschaft wäre. Ich muss an Daten zuhause ran. Der Rechner stürzt ab und ich komme nicht mehr ins Netz. Ich rufe in der Rezeption an und keine drei Minuten später steht ein junger Mann neben meinem Laptop und kümmert sich. Sogar mit dem Apple MacBook kommt er klar. Ich finde das sensationell. Den meisten sonstigen SysAdmins klappt es die Zehennägel hoch, wenn sie nur Apple hören. Der junge Systemgott hier hat in wenigen Minuten den Fehler gefunden und erklärt mir sogar alles haarklein, damit ich es demnächst selber fixen kann. Wow! Wieder ein riesen Pluspunkt für den Laden hier!

Die Verbindung per TeamViewer zu meinem Home-Mac funktioniert trotzdem nicht. Das Netz ist einfach zu langsam. Also sattele ich mein Auto gleich nach dem Essen und fahre heim. Dort neuer Frust, weil die CD sich nicht lesen lässt, auf der die relevanten Daten drauf sind. Ich probiere mir einen Wolf bis ich’s aufgebe, die CD einpacke und wieder in die Klinik düse. Gerade noch rechtzeitig zur Einzelberatung in der Diätküche.

Hier gerate ich schnell in ein interessantes Streitgespräch. Eigentlich weiß ich ja alles über Ernährung. Während ich von meiner Low Carb Variante schwärme, empfiehlt mir die Diätassistentin eine Low Fat Ernährung, da diese in meinem speziellen Falle besser für’s Herzchen sei. Kohlenhydrate machen darüber hinaus eben auch besser satt und helfen, Heißhungerattacken zu überstehen. Ich halte dagegen, dass mit der Low Carb Methode bessere Gewichtsabnahmen erzielt wären (was sie mir zugesteht). Wir einigen uns auf eine kombinierte Methode. Die revolutionäre Low Carb Fat Methode. Zum Schluss erzähle ich ihr noch von den leichten Wurstprodukten, die es bei EDEKA gibt. Die wurden von einem Metzger zusammen mit dem Fraunhofer Institut entwickelt, haben nur 2 % Fett und schmecken überhaupt nicht mager. Die kannte sie gar nicht. Gleich im Anschluss an die Beratung will sie Einkaufen gehen. Ich frage noch, was ich für die Tipps bekomme. Aber sie lässt nicht mit sich handeln. Es gibt keine Extra-Wurst heute Abend für mich.

Der Tag könnte so schön enden, wie er bisher gelaufen ist. Aber es steht ja noch das Laufband an. Schon der Blutdruck ist von der Diät-Disskussion und dem Treppensteigen zur Muckibude ziemlich hoch: Nach drei Minuten kann ich nicht mehr. Die Muskeln verkrampfen und die Puste fehlt. Der Trainer fährt die Geschwindigkeit erheblich runter, lässt mich wieder zur Luft kommen und regelt dann wieder moderat höher. Irgendwie klappt das nicht heute. Ziemlich groggy erreiche ich nach zehn Minuten das Ziel. Immerhin ist der Blutdruck nicht weiter gestiegen und der Puls nicht zu hoch. Auch der Atem geht sehr schnell wieder normal. Noch einmal soll ich auf’s Band, bevor sie mich rauswerfen. Bin gespannt, wie das geht. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Jetzt noch bisschen Augensammler und dann geht’s zum Kalorientanken. Heute Abend mit Pizza und Pech. Es gibt Mini-Pizzen und Salate. Und den Dooortmunder mutterseelenallein am Tisch. Ich überlege kurz, heute einen Fastenabend einzulegen. Der Hunger setzt sich aber durch und ich mich neben das Unvermeidliche. Er hatte heute nichts Besseres vor, als unbedingt in eine Autowerkstatt zu fahren. Sein Opppel sein Rückliiicht war völlich kapuuudd. Da gab es keinen Aufschub, datt musste sofooot sein! Und als er sein Auto wieder abholen wollte, überreichte ihm der freundliche Oppel-Dealer eine Rechnung über 269 Euro. Spinnder, hömma?! Und holt die Rechnung tatsächlich raus und hält sie in den Speisesaal, auf dass jeder hier diese Schande der Marktwirtschaft mitbekommt. Vor lauter Ereiferung bekommt er keinen Bissen runter. Gottseidank weiß ich ja nun, was bei Kammerflimmern zu tun ist und schaue mich schon mal nach einem Defibrilator um.

Warten auf Frauchen

Ich weiß auch, dass es ungesund ist, zu schnell zu essen, aber die Umstände … Außerdem hatte ich eh vor, den Abend für Weihnachtseinkäufe zu nutzen. Morgen habe ich zwar schon ab Mittag frei, aber den Run auf die Supermärkte will ich mir da nicht antun. Ich bin schließlich herzkrank. Heute Abend geht nur die normale, arbeitende Bevölkerung shoppen und die will schnell heim. Mein Kalkül geht auf: Ein gähnend leerer Edeka empfängt mich, die Regale prall gefüllt. In aller Ruhe schlendere ich durch das Schlaraffenland und nehme im Geiste schon wieder 3 Kilo zu. Bei den Sößchen steht neben mir eine junge Blonde mit Wallemähne im schwarzen Pelz, gewagtem schwarzen Mini, schwarzen Netzstrümpfen und den schwärzesten, highesten Heels, die ich je gesehen habe. Sie hält genau wie ich ein (schwarzes) iPhone in der einen und ein weißes Sößchen in der anderen Hand. Wir schauen uns an und müssen beide schallend lachen. Es muss ein toller Anblick gewesen sein. Kur-Matratze neben Kur-Fass. Wir begegnen uns noch ein paar Mal, sie zwinkert mir zu und vielleicht gibt sie mir beim dritten Mal ihre Nummer. Auf dem Parkplatz sehe ich sie in einem schwarzen Ferrari 485 entschwinden. Ich bin mir jetzt ziemlich sicher, dass meine Berufseinschätzung ins Volle trifft. Von der Kasse aus beobachte ich noch einen witzigen Hund, der im Zwischeneingang sehnsüchtig auf sein Frauchen wartet. Mein Frauchen ist gerade auch alleine einkaufen und ich wäre mindestens so gerne bei ihr, wie der Kleine bei seinem. Noch 36 Stunden …