So langsam werde ich Reha-müde. Immer dieselben Anwendungen, dieselben Patienten, dieselben Geschichten. Es geht in den Schlussspurt. Da ist einem dann auch grad alles egal. Selbst die weckende Putzi, die quatschenden Herzchen und Kniechen, die Therapeuten mit ihren ewig gleichen Scherzen. Fit fühle ich mich auch. Was soll ich also noch hier? So langsam verstehe ich meinen hektischen Nachbarn, der schon zwei Tage nach Ankunft hier seinen vorzeitige Abreise noch vor Weihnachten ausgehandelt hat. Da hab ich was falsch gemacht.
Heute ist Abschlusstag, d.h., es werden Tests gemacht, wie fit das Herzchen ist. Angefangen mit Blutentnahme nüchtern um 7:15 Uhr. Hab ich natürlich verschlafen, bin schnell unter die Dusche und habe zum ersten mal hier der Putzi das Bettenmachen überlassen. Sie kann es einfach besser, chapeau! Grad bin ich am Bart stylen, klingelt das Telefon. Ob ich denn bitte schön wüsste, dass ich zur Blutentnahme … Ja, ja, ja! Ich komm ja schon. Weiß nicht, ob das für’s Herzchen gut ist, diese Hetze!. Im Labor mit hechelnder Lunge angekommen, finde ich die heilige Hallen leer. Irgendwann kommt dann eine ebenso verschlafene Schwester und zapft mich an. Mahlzeit und guten Morgen!
Danach fix zurück zum Frühstück. Diesmal treffe ich wieder alle an. Man hat die Leute von den fast verwaisten Tischen zusammengelegt, sodass wir wieder zu fünft sind. Der nette Hesse vom Kochkurs sitzt jetzt bei uns. Mit Hessen kann ich gut. Wenn sie morgens die Klappe halten. Und wenn nicht, versteht man sie wenigstens. Ein bisschen. Heute morgen ist der Dooortmunder still. Er kaut noch an seiner gestrigen Werkstattrechnung. Oder an einem der fünf Biere, mit denen er abends den Frust runter gespült hat. Der junge Mann, der so rumgemeckert hat, ist dran. Er ist viel gesprächiger als sonst und erzählt, dass er einen Bandscheibenvorfall mit Komplikationen im Bein hatte. Riesen Schmerzen bei Ankunft hier. Deshalb das Theater. Seit gestern Abend geht es ihm merklich besser. Sieht und hört man. Wir loben alle den Laden hier über den grünen Klee. Wiederkommen will trotzdem keiner. Heute geht der Förster. Er kommt aus Giessen und wir verabreden uns dort im Wald. Gleich, wenn man reinkommt links, da hinter der großen Buche, wo seine Wachtelhündin immer hinkackt.
Dann geht es zur Massage und anschließend zum Abschluss-EKG. Alles Routine. Ebenso der Ultraschall. Diesmal erhört die Therapeutin mein Ansinnen, den Schallkopf doch selber um’s Knie führen zu dürfen. Ist gar nicht so schwer, wie sie immer tun. Es ist aber weniger die Einsicht in selbständiges Patiententum als Zeitmangel, da noch drei andere Patienten versorgt sein wollen. Viele Kollegen sind schon im Urlaub und der Rest hat entsprechend zu tun.
Um halb Zwölf wird es spannend: Belastungs-EKG. Ich fahre gerne Rad. Stundenlang. Kein Problem. Aber dort, verkabelt wie ein Weihnachtsbaum, unter den gestrengen Blicken eines finster dreinblickenden Arztes (er hat nicht frei bekommen) und einer genervten MTA, macht es keinen Spaß. Ich fahre los, absolviere die ersten Watt-Erhöhungen. Dann wird es schwerer und schwerer. Es ist wohl Sinn der Sache. Ich will aber nicht. Und irgendwann kann ich auch nicht mehr. Meine Ärztin erscheint, fragt, ob ich Schmerzen hätte, nickt zufrieden, als ich lediglich auf meine brennenden Beinmuskeln verweise und bedeutet, mir zu folgen. Im Ultraschallzimmer rammt sie mir noch eine Sonde in die Brust und schaut TV. Es gurgelt und rauscht bedrohlich. Ich höre mein Herz und weiß im selben Augenblick, dass da was nicht stimmt. Ich blicke der Ärztin in die Augen und sehe, dass sie zusammenzuckt. Zittern nicht auch ihre Finger. Sehe ich da Tränen in den Augenwinkeln? Das dauert auch alles viel zu lange. Viel zu viel Knöpfe werden gedrückt und Regler verdreht. Dann darf ich mich abwischen. Sie rät mir “erst mal was zu essen”, dann solle ich noch Mal bei ihr vorstellig werden. Urgs! Das klingt nicht gut.
So gut das Kalbsgulasch mit Nudeln auch schmeckt, ich kriege es kaum runter. Die Gespräche am Tisch gurgeln an mir vorbei wie Walgesänge unter Wasser. Vermutlich hat die Ärztin was gefunden. Sie werden mich im besten Falle noch hier behalten, im schlimmsten den Bestatter zur Anprobe bestellen. Ich drücke mich noch ein wenig im Foyer herum, verabschiede mich erneut unter Tränen vom Förster, dessen Eltern offenbar beschlossen haben, seinen Hund zu behalten, ihn aber hier zu lassen. Dann fasse ich mir mein lädiertes Herz und schleiche in die Kardiologie. Dort lässt man mich noch eine halbe Stunde schmoren. Die erstaunlich gut gelaunte Ärztin lächelt mich an (das erste Mal in drei Wochen!) und verkündet, dass alles soweit in Ordnung ist. Das Herz sei leistungsfähig, nichts Auffälliges zu sehen. Gut, der Blutdruck sei noch etwas zu hoch, aber das würde ich zusammen mit meinem Hausarzt besprechen und regulieren. Ich bekomme noch ein Rezept für Herzsport und eine Liste von Vereinen, die das hier anbieten.
Seltsam leicht schwebe ich in mein Zimmer, reiße mir die Trainingsklamotten vom Leib und mache mich ausgehfein.
Ich will nämlich die Liebste im nicht all zu weit entfernten Seniorenheim besuchen. Nein, sie arbeitet dort. Mit einem Kreppel will ich sie und den kleinen Spanier überraschen. Die Freude ist groß. Sie springt an mir hoch und der Hund küsst mich. Oder umgekehrt. so genau habe ich das in der ganzen Freude gar nicht bemerkt. Der Kreppel schmeckt mitsamt dem Heimkaffee köstlich. Wir schwelgen in dem Wissen, nur noch für ein paar Stunden getrennt zu sein, um dann ein bescheidenes Weihnachtsfest zu feiern. Dazu fehlt aber noch ein bisschen was und so verabschiede ich mich schweren Herzens und steuere unseren Lieblings-Supermarkt an.
Morgen ist noch Mal Gefäß- und Gesäßgymnastik sowie Laufband angesagt. Das ist auch gut so. Denn so ganz bescheiden wird das Fest dann doch nicht ausfallen. Und ich will ja am Montag früh, wenn ich wieder antanzen muss, eine gute Waage abgeben. Schauen wir mal …

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