Weihnachten in der Reha-Klinik – eine merkwürdige Erfahrung. Die Anwendungen am Morgen des Heiligen Abends fand ich noch normal. In anderen Berufen wird schließlich auch gearbeitet. Das Heimkommen nach dem Mittagessen hatte etwas von Feierabend nach einer langen Arbeitswoche. Zu guter Letzt hatte man mich noch geärgert. Zuerst mit gekochtem (!) Zander. Das geht gar nicht! Ich hatte mich so auf gebratenen gefreut. Dazu eine Gemüsesoße, ganz lecker, und Kartoffeln, die ich aus Protest liegen ließ. Während des Essens kam meine Ärztin auf mich zu, mit Leichenbittermiene, und bat mich, nach dem Essen doch noch einmal zu ihr ins Arztzimmer zu kommen. Fast wäre mir der Fisch im Hals stecken geblieben. Was war denn nun los? Komplikationen von denen ich nichts mitbekommen hatte? Mir war der Appetit endgültig vergangen.
Ich packte also meinen Kram und zog damit in die Kardiologie, denn ich wollte von dort gleich zum Auto. Die Liebste wartete, der Hund wollte Gassi und ich nur noch Heim. Das Arztzimmer war verschlossen, niemand mehr auf der Station. Ich ging zurück auf mein Zimmer und rief auf dem Schwesternzimmer an, ob die wüssten, wo Frau Doktor sei. Wussten sie auch nicht, riefen sie aber an. In 15 Minuten sei sie in ihrem Zimmer, ich solle schon mal hingehen. Ich also wieder zurück. Langsam kroch Wut in mir hoch. Die letzte Anwendung war um eine halbe Stunde vorgezogen worden und ich hatte mich bei der Liebsten entsprechend früher angekündigt. Was diese hoch erfreute, hatte sie selber doch noch einen geschäftlichen Termin in ihrem Seniorenheim wahrzunehmen. Nun musste ich sie anrufen und etwas vertrösten. 20 Minuten später war immer noch keine Ärztin da. Weitere 10 Minuten später kam mir die Galle hoch. und ich beschloss, einfach zu gehen, selbst wenn sie mir von meinem Exitus berichten wollte. Immerhin rief ich erneut im Schwesternzimmer an, um mich abzumelden. Die Ärztin hatte die Schwestern mittlerweile informiert, dass ich den Cholesterinsenker absetzen solle, da meine Blutwerte entsprechend gut ausgefallen waren. Das hatte sie mir mitteilen wollen. Toll. Wutentbrannt und einem 2. Infarkt nahe machte ich mich auf den Heimweg.
Zuhause dann endlich Weihnachten. Wunderschön mit meinen Kindern, der Liebsten und dem Hund. Ein bisschen geschlemmt, ein Bierchen und sogar einen geliebten Lagavulin genossen. Alles ganz unaufgeregt und friedlich. Die letzten Wochen hatten allerdings meinen Zeitrhythmus beeinflusst. Um Mitternacht überkam mich die Müdigkeit und so fiel ich, sonst eher Nachtmensch, ins Bett und schlief wie ein Stein.
Am Weihnachtsmorgen bin ich pünktlich um 6 Uhr wach. Gleich wird Putzi kommen. Verdammt! Du bist zuhause! Wunderschön. Selig drehe ich mich um und schlafe weiter. Um 8 Uhr weckt mich mein Handy. Wer zum Teufel ruft so früh an? Die Klinik? Nein – ein Freund, der gerade auch im Krankenhaus liegt, langweilt sich und will Frohe Weihnachten wünschen. Ich wünsche ihm die Pest an den Hals und kann nicht weiterschlafen. Alle anderen pennen natürlich noch. Hunger bohrt in mir. Mein Magen guckt auf die Uhr und beschwert sich. Es wird Zeit in den Frühstückssaal zu gehen. Bis 12 Uhr muss ich warten, bis der Rest der Baggage so weit wach ist, dass wir brunchen können. Danach bin ich so müde, dass ich mich wieder ins Bett verkrieche. Meine Muskeln tun überall weh und ich merke, was die in den letzten Wochen alles mit mir angestellt haben. Kaum bin ich eingeschlafen, kommt eine MMS mit dem Weihnachtsfoto einer Freundin. Ich ignoriere den Piepston. Kurz darauf piept es erneut. Jetzt bin ich fast wach. Das dritte Piepen schafft es dann, mich endgültig aus Morpheus Armen zu reißen. Hat das Weib doch tatsächlich drei Mal hintereinander ein und dasselbe Foto geschickt! Sie sieht ganz lustig aus auf dem Bild. Ich kann nur gerade gar nicht darüber lachen.
Als die Kinder nach einem kleinen Plätzchen-Kaffee sich in Richtung Oma abgesetzt haben, können die Liebste und ich ganz dicht beeinander Jesu erste und meine zweite Geburt feiern. Ein einfacher und doch weihnachtlich köstlicher Linseneintopf rundet den Abend ab. Eine Nacht noch neben der Liebsten, dann muss ich wieder ran.
Montag, 2. Feiertag, um viertel vor Sechs kräht der Hahn, ich springe verschlafen in meine Klamotten, küsse den verdutzten Hund und streichele die verschlafene Liebste zum Abschied und düse in die Klinik zurück. Bis viertel vor Acht muss ich zum Wiegen angetreten sein. Ich schaffe es gerade so. Werde aber mit 700 Gramm weniger für die Hetze und Entbehrungen der letzten Zeit entschädigt. Nicht schlecht für Weihnachten. Die Schwester schüttelt den Kopf. Freiwillig würde sie sich an den Fest- und anderen Tagen danach nicht wiegen. Das hätte zu hohes Frustpotential. Und Weihnachten sei doch das Fest der Freude.
Anschliessend gehe ich zum Frühstück. Mein Tisch ist verwaist. Wehmut kommt auf. Immerhin schließt man seine Mitherzchen doch irgendwie ins Herz, egal wie nervig sie sind. Sie waren ja meine Zweitfamilie. Nun muss ich alleine frühstücken. An den Nachbartischen sitzen viele Angehörige mit dabei. Irgendwie fühle ich mich einsam. Aber das wird mir bald vergehen. Erst mal Massage um 9:50 Uhr. Pünktlich zu Beginn merke ich wieder Beschwerden im Knie. Na prima, da kann sich der nette Therapeut gleich nützlich machen. Allein, so sehr er sich abmüht, es wird nicht besser. Jetzt hab ich schiss vor dem Fahrradfahren. An die Gruppengymnastik nachher gar nicht zu denken.
Halbe Stunde Pause. In der Ergometrie herrscht gähnende Leere. Beide Therapeutinnen sind anwesend, haben aber, zur Feier des Tages, Zivilkleidung an. Hätte ich das gewusst, wäre ich im Anzug gekommen. Fühle mich im Trainingszeug etwas underdressed. Wo denn meine Mitleidenden seien, frage ich. Die schwänzen alle, kommt die Antwort. Es scheint sie nicht zu wundern. Möglicherweise ärgert es sie sogar, dass ich als Einziger gekommen bin. So störe ich ihr Schwätzchen. Macht aber nix, sie stören ja auch meinen Vormittagsschlaf, den ich jetzt dringend bräuchte. Zur Rache darf ich 15 Minuten mit 80 Watt strampeln. Der Augensammler tötet derweil sein viertes und fünftes Opfer in meinen Ohren. Hach, es weihnachtet so richtig und mir fällt Loriots Gedicht vom Förster ein, dessen Gattin ihn zum Advent schlachtet.
Mein Knie tut so weh, dass ich erwäge, mich den Gepflogenheiten meiner Mitpatienten anzuschließen und die Gruppengymnastik zu schwänzen. Für den einen Patienten, der dann außer mir noch erscheint, wäre es ein Desaster gewesen. Auch die Trainerin freut sich, dass sie nicht ganz umsonst aufgestanden ist. So bilden wir ein Paar und werfen uns einen Gymnastikball zu, prellen und rollen ihn hin und her. Das hält sich im weihnachtlichen Rahmen. Und auch der geschmückte Tannenbaum gerät nicht in Gefahr blitz-entnadelt zu werden. Dennoch wanke ich völlig fertig ins Zimmer zurück. Dann fasse ich einen mutigen Entschluss und packe ich meinen Koffer. Das Mittagessen (Hirschbraten) nehme ich noch mit. Da ich heute keine weiteren Anwendungen mehr habe, melde ich mich vom Abendessen ab und beschließe, auch heute wieder zuhause zu schlafen. Dann brauche ich morgen nur noch bis um 10 Uhr in der Klinik aufzutauchen, um mich endgültig abzumelden. So habe ich noch etwas vom zweiten Feiertag und erspare mir einen frustrierenden letzten Abend und eine ebensolche Stimmung in diesem Blog.
Schönen Feiertag noch…



1 Kommentar
Kommentar-Feed für diesen Beitrag
27/12/2011 um 17:55
Hauptstadtzwerg
dein kommentar zum ersten foto schmeichelt meiner seele . scheinbar bin ich nicht der einzige orientierungslose zwerg auf erden .
ich drück dich freundschaftlich
ich hoffe und wünsche dir trotzdem , dass dir die zeit im fuchsbau etwas geholfen hat zum start in ein neues , frohes , gesundes und trotzdem kulinarisch genussvoll akzeptables neues jahr . packen wir’s an
29/12/2011 um 11:53
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