Am 27.12. bin ich um halb sieben aufgewacht. Putzi würde gleich kommen. Hat ne Weile gedauert, bis ich begriff, dass ich im heimatlichen Bett lag und die Reha Geschichte war. Die Liebste musste in’s Büro, also stand ich auf und machte ihr Frühstück, wie gewohnt. Ich hatte noch keinen Hunger, war ich doch erst um 8 Uhr den Gang in den Speisesaal gewohnt. Als die Liebste dann verabschiedet war und ich vor dem Kühlschrank stand und mir überlegte, was ich nun essen solle, kam die Erkenntnis wie ein Schock: Du bist jetzt zu Hause und musst dich selbst verpflegen. Der Gedanke schmeckte mir gar nicht, das Frühstück aber trotzdem (überhaupt schmeckt es schon wieder zu gut!).
Mich fein gemacht und den Hund gesattelt und mal schnell rüber gefahren in die Klinik, um mich offiziell abzumelden. Alle Parkplätze waren besetzt und ich musste meilenweit latschen. Was regst du dich auf, sagte ich mir. Normalerweise wärst du jetzt auf dem Fahrrad, du Weichei! Also beweg dich gefälligst ein bisschen. Genau das ist das Problem. Jetzt gibt es keinen Plan mehr, wann ich wo was tun soll. Der Tag will von mir persönlich strukturiert sein. Sau blöd das! Es war so schön bequem.
Die folgenden Tage zeigten diesen Zustand der Schwebe ganz deutlich. Trotz allerliebster Pflege und Hingabe der Liebsten fehlte mir plötzlich die sonst so kritisch bewertete Klinik und ihr durchgeplanter Ablauf. Dazu kamen etliche Beschwerden aus meinem Brustkorb. Es zwackte hier und stach dort, der Rücken schmerzte, stechende Schmerzen im linken Oberarm, Übelkeit – alles mögliche Anzeichen eines erneuten Infarktes. Da ich sowieso eine neue Krankmeldung brauchte und die Bitten der Liebsten, doch endlich zum Arzt zu gehen, nicht länger ignoriert werden konnten, machte ich mich auf zu meinem Kardiologen. Um vor verschlossener Türe zu stehen. Weihnachtsferien. In dringenden Fällen sei Herr Dr. Soundso für mich bereit. Der kennt mich aber gar nicht. Hat keinen Arztbrief bekommen und ist vermutlich mehr als genervt von einem reha-süchtigen Nervenbündel. Also beschloss ich, die Zähne zusammenzubeißen und lieber etwas shoppen zu gehen. Die Stieftochter nebst Freund wollte über den Jahreswechsel kommen und es galt, diese jungen, meist immer bis zum Anschlag weit aufgesperrten Mäulchen zu füllen. In Supermärkten fühle ich mich sofort wohl. Das Gefühl, hier niemals verhungern zu können, ist zu vergleichen mit der Geborgenheit unter Mutters Schürze. Ich sollte eigentlich lebenslanges Supermarktverbot mit anschließender Sicherheitsverwahrung unter veganer Aufsicht bekommen.
Von diesen Ausflügen in die Schlaraffenländer und den nassen Gassigängen mit dem Hund abgesehen, hing ich zuhause rum. Unzufrieden mit mir selbst und meist ziemlich müde. Dabei hätte ich konsequent den Reha-Weg fortschreiten können. Das Trainingsfahrrad steht ja hier im Gästezimmer rum. Statt dessen hänge ich auf der Couch rum, horche in mich hinein, gleiche die Dauer der Brustbeschwerden mit meiner Uhr ab (“wenn’s länger als fünf Minuten andauert: sofort 112 rufen!”) und kämpfe ansonsten mit bleierner Müdigkeit. Die Liebste ist besorgt und genervt in einem Atemzug. Sie gibt gute Ratschläge, versucht mich zu beruhigen und schiebt die Müdigkeit auf das Wetter. Da mag schon was dran sein. Trotzdem ist es nicht normal, dass ich 24 Stunden schlafen könnte. Ich liege oft im Bett und kann gar nicht schlafen, weil ich in mich hinein horche. Ich werde immer unzufriedener und unleidlicher. Die Liebste verzweifelt, betet mir immer wieder vor, wie gut man mich in der Klinik und der Reha eingestellt hätte und dass nach Menschen ermessen so schnell kein zweiter Infarkt auftritt. Sie scheint einfach nicht zu verstehen, wie ich mich fühle. Ich weiß, dass ich hervorragend behandelt wurde. Es ist aber unmöglich, das Wissen, das zwei weitere Arterien noch zu fünfzig Prozent zu sind und auch ein Stent sich wieder verschließen kann, einfach zu ignorieren. Ich bitte Sie, mal nicht an einen grüngestreiften Elefanten zu denken. Es geht einfach nicht, gerade wenn du nicht daran denken sollst.
So überprüfe ich jede Tätigkeit, der ich nachgehe, ob sie irgend eine Reaktion in meiner Brust auslöst. Das geht beim Treppensteigen so und hört beim Sex nicht auf. Ich weiß, dass ein Geschlechtsakt so anstrengend sein kann, wie in den zweiten Stock zu gehen. Deswegen haben Ärzte auch nichts gegen Sex, wenn der Patient in der Lage ist, ein Lotterbett im zweiten Stock zu erreichen. Ich wohne im zweiten Stock und habe, so gesehen, allein durchs Gassigehen und Einkaufen schon mehrmals am Tag Sex. Auf ein weiteres Mal käme es also nicht an. Aber genau wie auf der Treppe höre ich im Bett in mich hinein. Ich kann das nicht abstellen. Und so gerät der Höhepunkt, so es ihn denn überhaupt gibt, zum unbefriedigenden Beweis, es gerade so überlebt zu haben. Kein Wunder, wenn die Partnerin sich zur Labormaus degradiert fühlen muss. Ich muss mit dem Arzt darüber reden, fürchte aber, dass er mir die defätistischen Gedanken auch nicht aus meinem Hirn treiben kann.
Vielleicht haben die Liebste und die Psychologin in der Reha doch Recht. Ich brauche Hilfe. Ich weiß nur nicht, wie das gehen soll. Ich habe mal den Rat der Psychologin umgesetzt und im Internet per Arztsuche nach Psychotherapeuten gesucht. Es gibt unzählige und mehr als die Adresse erfährt man dort nicht. Einige Wenige haben wenigstens eine eigene Homepage. Und von denen sind es nur ein paar, die auch ein Foto von sich eingestellt haben. Wie soll ich entscheiden, wem ich mein Innerstes anvertrauen kann. Viele sind weiblich und ich fürchte, das geht gar nicht. Ich habe das Gefühl, dass mich ein Mann besser versteht, obwohl ich mit Frauen im Beruf z.B. besser zurecht komme. Natürlich habe ich auch Angst davor, was dabei rauskommt. Vielleicht verstecke ich mich ja hinter meinem Fett vor solchen Erkenntnissen. Will ich die Wahrheit überhaupt wissen? Werde ich die Erkenntnisse verwerten können?
Die Schonzeit ist auf jeden Fall vorbei. Am Montag geht das neue Jahr los. Ich muss mich bewegen. Muss strukturiert meine Probleme angehen. Noch heißt dieser Blog “endabnahme” und das Ziel ist immer noch klar. Ich muss, ich werde abnehmen. Bis März zur Herzkontrolle, will ich fünfzehn Kilo weniger drauf haben. Das ist ein ehrgeiziges Ziel. Ich will mich fordern. Das Neue Jahr muss wirklich neu werden. Meist scheitern die guten Vorsätze für’s neue Jahr ja ziemlich kläglich. Bei Roland Kopp-Wichmanns Persönlichkeitsblog habe ich ein paar gute Tipps gelesen, wie es trotzdem gelingen kann. Ich weiß, ich schaffe das!

Hinterlasse einen Kommentar
Kommentar-Feed für diesen Beitrag