Neun Jahre lang war ich schlank.
Offenbar zu schlank, denn meine Eltern schickten mich zur „Erholung” an die Ostsee. Die gute Luft und viel Bewegung machten hungrig. Aber noch etwas ganz anderes ließ meinen Appetit in’s Uferlose steigen: Futterneid! Wenn hunderte ausgehungerte Kinder im Speisesaal abgefüttert werden, langst du mehr und öfter als zu hause. Denn ein anderer könnte schneller und der Napf plötzlich leer sein. Dazu kamen Kuchenbleche in Tischgröße voller Bienenstich, meinem Lieblingskuchen (weil mit leckerem Pudding gefüllt). Der Vorrat war schier grenzenlos. Und doch packte ich mir ein paar Extrastücke in eine Serviette, verzog mich in eine Düne und vertilgte genüsslich in aller Ruhe meine Beute. Weit weg von allen Fresskonkurrenten. Wahrscheinlich habe ich sogar widergekäut. Jedenfalls kam ich rund wieder nach hause. Und verfressen. Ab dann ging’s bergab.
Bzw. bergauf mit meinem Gewicht. Jedes Jahr kamen ein bis zwei Kilo dazu (zum Normalgewicht). Das ist nicht viel. Zuerst merkt man es nicht. Dann werden die Konfektionsgrößen mit jedem Jahr größer. Irgendwann wird die Suche nach XXL Klamotten in normalen Geschäften zur Glückssache und man betritt das erste Mal einen Laden für den „stattlichen” Herrn. Dann ist es eigentlich schon zu spät.
Noch fühlt man sich wohl. Ich habe auch bald gelernt, mein Übergewicht zu akzeptieren. Ich habe mich deswegen nie geschämt. Bin vielleicht schon fast zu forsch damit umgegangen. Ich konnte über mich lachen, bevor andere dies hätten tun können. Und die Kleider waren ja auch ganz modisch zu bekommen. Alles kein Problem. Dann kamen die ersten Unannehmlichkeiten.
Die Schuhe konnte ich nicht mehr zubinden (es leben die Slipper!) und das zweitbeste Stück (nach meiner Liebsten) nur noch im Spiegel bewundern. Ein teurer Autositz ging kaputt. Bei einer geschäftlichen Besprechung krachte der Vitra-Swinger zusammen. Peinlich. Nun kamen die ersten Diäten.
Es klappte wunderbar! 5 Kilo in einem Monat – kein Problem. Bis 10 Kilo gingen auch noch. Mühsam. Und dann irgendwann die Aufgabe. Und die neuen Kilos! Alle Diäten hatte ich irgendwann durch. Brigitte, Atkins, Trennkost, Weight Watchers, was weiß ich. Immer das Selbe: Anfangs top, später flop. Und immer was drauf auf die Waage. Bis ich auf diese erst gar nicht mehr drauf stieg. Dann kamen die Wehwehchen.
Bluthochdruck, Diabetes, Bandscheibenvorfälle, Arthrose in den Knien, metabolisches Syndrom. Nach zweihundert Metern mit dem Hund meldet sich die Hüfte und berghoch ist eine zeit- und atemraubende Veranstaltung. Dazu beruflicher Stress, eine Insolvenz, Existenzangst. Da hilft auch all die Liebe einer wunderbaren Beziehung nichts mehr. Ich muss mein Leben ändern.
Der Alkoholanhängige muss es sich auch irgendwann eingestehen. Ich gestehe: Ich bin genusssüchtig! Und ich frage mich, warum ich von allem nicht genug haben kann. Warum werde ich nicht satt? Ich beginne, mein Essverhalten und die Ernährung zu beobachten. Ich dokumentiere seit Jahresbeginn meine Hauptmahlzeiten. Im Grunde ernähre ich mich nicht so schlecht. Mediterran mit asiatischen Einflüssen. Gar nicht so falsch. Gut – es könnte weniger Fleisch und damit weniger Fett sein. Aber ich esse von allem zu viel. Warum? Und Bewegung? Mit fast drei Zentnern ist das kein Vergnügen mehr …
Zu Jahresbeginn lese ich eine Anzeige im örtlichen Blättchen: Das E….-Konzept arbeitet mit Hypnose und Meridianklopfen gegen alle möglichen falschen Verhaltensweisen und bietet speziell für Abnehmewillige einen 12-wöchigen Kurs an. Eine Einladung zu einem Informationsnachmittag macht mich neugierig. Ich motiviere meine Liebste und wir gehen hin.
Ca. 30 Leute hören an diesem Nachmittag Herr E. zu, der anschaulich und launig sein Konzept und die Hintergründe dazu darstellt. Es hört sich gut an. Die meisten Zuhörer sind aber gar nicht so übergewichtig. Wir sind die einzigen Überpfünder. Ich recherchiere im Internet. Je mehr ich erfahre, desto unsicherer werde ich. Viel offensichtlicher Unsinn wird da geschrieben. Und wohl auch eine Stange Geld damit verdient. Gehört E…. zu dieser Kategorie. Immerhin wird der Kurs für die Liebste und mich fast 1.000 Euro kosten.
Die Termine für den Kurs liegen für uns ziemlich blöd, wir zögern noch und entscheiden, vielleicht den nächsten Kurs im Sommer zu nehmen. Ich erzähle einer Freundin, die ich lange nicht gesehen habe, in einer Mail davon und siehe da: Sie hatte mit ihrem Liebsten diesen Kurs dort absolviert. 12 Kilo bei Ihr und 24 beim Liebsten sind weg und es geht weiter runter. Ohne Stress, ohne Hungergefühle. Aber das Wichtigste sei das Lebensgefühl dabei: gut gelaunt und immer motiviert. Das klang sehr gut. Und es war letztendlich ausschlaggebend für unsere Entscheidung, den Kurs zu buchen.
Es wird mein letzter Versuch sein, meine Pfunde dauerhaft los zu werden. Ich bin sehr motiviert und gleichzeitig sehr skeptisch. Fallen wir hier auf eine weitere Methode rein, an uns gut Geld zu verdienen, oder ist es die richtige Methode, endlich unser Gewicht in den Griff zu bekommen? Ich möchte meine Erlebnisse und Gedanken dazu hier veröffentlichen. In erster Linie als Motivationsunterstützung in dem Bewusstsein, dass hier viele Menschen mitlesen, wie gut oder wie schlecht ich weiterkomme auf dem langen Weg in die Freiheit von meinem Übergewicht. Aber vielleicht hilft es auch jemand anderem, die richtige Entscheidung für sich zu treffen.
Auf geht’s. Begleitet mich.

2 Kommentare
Kommentar-Feed für diesen Beitrag
20/07/2010 um 12:10
Kai
Ich finde diese Seite echt toll! Dein Schreibstil gefällt mir und bei einigen Pasagen kamen doch alte Erinnerungen an die Schule zurück. Da musste ich schon ab und zu schmunzeln..
Viel Glück weiterhin mit deinem Blog!
20/07/2010 um 12:22
hanswurst
Danke für die Blumen! Mal sehen, wie lange ich das durchhalte (Abnehmen und Blog)