Und zwar meinen Kampf gegen die Pfunde und ein cooles Teilchen, das mir dabei helfen könnte. Das Nike+ Fuelband verspricht eine gute Kontrolle über die eigenen Aktivitäten in Sachen Sport. Zwar habe ich eine Pulsuhr, aber die sagt nichts über die Häufigkeit meiner sportlichen Bemühungen und die daraus verlorenen Kalorien aus. Naja, und äußerst geil sieht das Ding ja auch aus. Macht einen schlanken Arm. Apropos: Vorsicht! Wer sich das Band kaufen will, sollte vorher checken, ob sen Handgelenkdurchmesser kompatibel ist. Ich habe von meiner Liebsten eine coole Armbanduhr, die mutewatch geschenkt bekommen. Und kann sie nicht tragen, weil die das Ührchen nur für schlanke Kerle gebaut haben. Es fehlt ein ganzer Zentimeter! Und ich fürchte, das ist bei dem Nike+ Band wohlmöglich auch so.

Gewinnen kann man hier: http://www.bamigo-bamberg.net/gewinnspiel-ein-nike-fuelband-aus-amerika-fur-dich und da gibt es auch ein schönes Video dazu. Also: Bitte nicht mitmachen, sonst schmälert ihr meine Gewinnchancen!🙂

Danke an Mario für den Tipp!

100 Tage nach meinem letzten Eintrag kann ich stolze Bilanz ziehen: Statt avisierten 15 Kilos sind es 20 weniger geworden! Und ich fühle mich saugut dabei!

Wie das? Waren da nicht noch ganz andere Töne zu hören gewesen? Selbstzweifel? Hypochondrische Anfälle? Resignation? In der Tat war es am Anfang nicht so leicht. Ich habe ständig in mich hinein gehorcht, mein Herz mit Argusaugen überwacht und bei jedem Ziepen zusammengezuckt, in Erwartung des nächsten Herzanfalles. Zig Mal war ich beim Arzt, der anfangs noch Verständnis zeigte, zum Schluss aber entnervt die neurologische Abteilung des hiesigen Krankenhauses empfahl. Womit er mir sagen wollte, ich hätte es leicht an der Waffel und nicht am Herzen. So ganz Unrecht hat er damit wohl auch gar nicht gehabt.

Jedenfalls hat mich diese Scheißangst vor einem neue Infarkt in meinen Abnehmbemühungen ziemlich behindert. Es ist absurd! Eigentlich hätte mich diese Furcht doch eher zu vernünftigem Essverhalten führen müssen. Aber Angst ist kein guter Motivator. Angst lässt sich oral sehr gut im Schach halten. Das gute Gefühl, satt zu sein ist manchmal gleichbedeutend mit der Vorstellung, dass alles gut ist. Natürlich habe ich dann auch noch ein schlechtes Gewissen gehabt. Denn ich wusste nur zu gut, dass ich auf diese Weise neue Probleme in mich reinfuttern würde. Und wie beruhigt man schlechtes Gewissen? Genau – mit Fleischsalat!

Auf der anderen Seite stand da der Termin der Nachuntersuchung an. Ich wollte mich nicht blamieren und mit denselben Pfunden dort erscheinen, die ich letztes Jahr beim Infarkt hatte. Schließlich hatte ich dem Chefarzt versprochen, abzunehmen. Seine Arbeit sollte nicht vergeblich gewesen sein (umsonst war sie sowieso nicht: 5.000 Euro Krankenhauskosten und 2.000 Euro für den Arzt – die Solidargemeinschaft der Versicherten wird durch Völlerei ganz schön gebeutelt). Ich musste also irgendwie einen Erfolg vorweisen können. Zwar hatt ich ein paar wenige Kilo abgenommen, aber das genügte mir nicht. Jetzt wollte ich einen Dammbruch sehen.

Schon länger waren mir Anzeigen aufgefallen, die für ein Wundermittel warben. Da es keine Wunder gibt, schon gar nicht beim Abnehmen, stand ich solchen Verlockungen skeptisch bis ablehnend gegenüber. Nur zu deutlich war mir der ölige holländische Quizmaster im Gedächtnis, der mit einem solchen Mittelchen gut abgenommen hatte, dies werbewirksam überall hinausposaunte und dann nach Ablauf seines Werbevertrages innerhalb kürzester Zeit sein altes Kampfgewicht wieder in die Kamera hielt. Dass damit der Jojo-Effekt vorprogrammiert war, leuchtete mir ein. Mit mir also nicht!

Aber die Liebste berichtete von Kolleginnen, die mit einem anderen Mittel gut abgenommen hatten und ihr Gewicht zu halten schienen. Also begann ich um die Anzeigen für das Wundermittel herumzuschleichen. Wie gut, dass es das Internet gibt: Unzählige Berichte, in der Mehrzahl positiv, beeindruckten mich dann doch. Warum es nicht einfach mal probieren? Der Mensch kommt aus dem Schlamm und wird wieder zu Schlamm werden. Warum soll er sich nicht auch mit Schlamm ernähren können? Die Liebste war auch bereit, das Experiment mitzutragen und so beschlossen wir, es mit ALMASED zu probieren.

Dieses Pulver wirbt damit, den Stoffwechsel zu aktivieren und zu 100 Prozent aus Natur zu bestehen. Die Hauptbestandteile sind Soja-Eiweiß, Joghurt und Honig + ein paar Aminosäuren, Spurenelementen und Vitaminen. Das Mittel wird als Nahrungsergänzung beworben und nicht als allein selig- bzw. schlankmachendes Nahrungsmittel. Alles gute Argumente. Die Aufmachung ist allerdings, im Gegensatz zur Konkurrenz, ziemlich bieder. Ein Design fast wie aus den 50er Jahren. So etwas imponiert mir mehr als jede Hochglanzpackung mit debil grinsenden, superschlanken Menschen drauf (die sich dann aber doch auf der Internetseite von Almased tummeln). Irgendwie fand ich das Zeug sympathisch. Der Preis ist es weniger. Satte 20 Euro werden dafür in Apotheken verlangt. Aber auch hier hilft das Internet weiter. Es gibt schon Angebote um die 14 Euro pro Dose. Dummerweise bekommt man dort aber nur eine begrenzte Anzahl Dosen. Und da eine richtige ALMASED-Kur ziemlich lange dauert, kommt man mit zwei Dosen nicht weit. Da sind die Versandkosten letztendlich höher als der Apothekenpreis. Aber wer sucht, wird fündig. Ich z.B. bei der www.bio-apo.de, die mir netterweise gleich 12 Packungen für 14,65 Euro/Stk. überließ und das Porto auch noch übernahm.

12 Dosen klingen wie eine Drohung. Und das ist es auch. Denn 175 Euro wirft man nicht zum Fenster hinaus! Da müssen wir jetzt durch. Der Plan sieht vor, dass man ein paar Tage lang (da wird der Beipackzettel nicht konkret) alle drei Mahlzeiten des Tages mit dem Zeug ersetzt und nichts anderes Festes zu sich nimmt. Nur Gemüsebrühe ist erlaubt. Hektoliterweise Wasser oder Tee sind natürlich obligat. Aber ohne Zucker, logisch. Nach dieser Einführungsphase ersetzt man sechs Wochen lang zwei Mahlzeiten am Tag durch Almased und danach dann, so lange wie man möchte, eine Mahlzeit am Tag. Das hört sich hart an, ist es aber gar nicht. Viel härter ist der Geschmack!

Granulierte Pappe mit Honigaroma. Nach was soll es auch sonst schmecken? Außer Honig ist nix Schmackhaftes drin. Je nachdem, wie man es anrührt, mit Wasser oder Magermilch und mit 2 TL Rapsöl vermischt, schmeckt es leicht nussig mit einer leichten Honigsüße. Nun ja, es könnte schlimmer sein. Aber nun wochenlang hauptsächlich davon leben?! Die ersten zwei Tage sind hart. Nicht, dass man nicht davon satt würde, im Gegenteil: Die 5 EL Pulver mit 200 ml Magermilch und Rapsöl haben 320 kcal, sättigen aber locker bis zum Mittagessen. Ha! Mittagessen! Ein Glas Almased als Mittagessen zu bezeichnen ist schon gotteslästerlich! Was fehlt, ist das gute Gefühl, etwas zu sich zu nehmen. Das Beißen und Kauen fehlt. Und so habe ich ständig Appetit. Obwohl ich Wasser saufe wie ein tibetanischer Reisbüffel, habe ich irgendwie das Gefühl, nur zu einem Viertel gefüllt zu sein. Abends wird es besonders schlimm. Das Abendessen war unser „main event“. Jetzt is(s)t man in wenigen Schlucken fertig.

Der dritte Tag bringt Erlösung. Irgendwie fühle ich mich nun nicht mehr leer, sondern leicht. Ein feiner Unterschied. Ich denke nicht mehr dauernd ans Essen, bin satt und zufrieden. Wir haben uns auf eine Woche „turben“ geeinigt. So nennt man dieses ausschließliche Almased-Schlürfen in der Alma-Szene. Bis zu zwei Wochen könne man das machen, dann sollte man aber mit der zweiten Phase beginnen, da Almased eben nicht wirklich alles liefert, was der Körper braucht. Nach dem vierten Tag flutsch es und es könnte ewig so weiter gehen. Wenn da nicht dieser muffige Geschmack wäre! Ich googele rum, was man da machen könne. Süßstoffzusatz wird heftig diskutiert, von den Meisten (und Almased selber) abgelehnt, da der Süßstoff den Insulinspiegel hoch treiben würde und so Hungerattacken vorprogrammiert wären.

Nun bin ich ein neugieriger Mensch und glaube nicht alles auf Anhieb. Also googele ich nach Süßstoff und lese, dass er den Insulinspiegel gar nicht beeinflussen kann, da er eben kein Zucker ist, Insulin aber nur auf Zucker reagiert (bzw. die Zellen das Insulin anfordern, da sie den Zucker als wichtigen Brennstoff sonst nicht durch ihre Zellwände bekommen). Das mit dem hohen Insulinspiegel ist also Blödsinn. Jetzt bin ich aufgewacht. Warum das Pulver nicht mit was Leckerem aufhübschen. Nun ist Süßstoff alles andere als lecker. Und ich bin kein Süßmäulchen. Was Deftigeres wäre mir lieber. Almased mit Wurstgeschmack – das wär’s! Aber zunächst experimentiere ich süß. Mit flüssigem Süßstoff schmeckt es schon etwas besser (seit Neuestem nehme ich Stevia). Aber der Kick fehlt. Und morgens brauche ich einen Kaffee. Warum also nicht … Genau! Die Milch wird durch einen Latte Macchiato ersetzt. Mmmmh, das ist nicht schlecht. Ich bastele weiter, ersetze den gebrühten Kaffe durch Instant-Espressopulver direkt in die Milch. Noch etwas Bourbon-Vanillepulver aus dem Reformhaus dazu. Perfekt!

Jetzt hab ich Blut geleckt. Was wäre, wenn ich statt des Kaffees etwas echten Kakao nehmen würde. Klaro, das wären zwar ein paar Kalorien mehr. Aber bei 3 x 320 Kalorien, gleich knapp 1.000 Kalorien am Tag also,  ist genug Luft nach oben, um trotzdem noch abzunehmen. Denn letztendlich kommt es nur auf die Energiebilanz an. Aber darauf komme ich ein andermal zu sprechen. Also einen TL Kakaopulver dazu. Natürlich kein Kabanesquick und Konsorten, sondern reines Kakaopulver. Das schmeckt gut, kann aber noch optimiert werden. Etwas Zimt und/oder Ingwer geben einen orientalischen Kick. Aber eben alles für die süße Fraktion. Ich will es aber deftig! Ichwillichwillichwill!!!!

Lecker Schlamm

Lecker Schlamm

Da zusätzlich zu den Almasedmahlzeiten auch Gemüsebrühe erlaubt ist, beschließe ich, das Pulver gleich mit Brühe anzurühren. Das ist es! Ein paar Kräuter rein und eine leckere Suppe ist fertig. Knoblauch dazu, Chili … Ich werde mutiger: Tomatenmark, Paprikamark, Curry! Wunderbar! Eine ganze Menge neuer Geschmacksrichtungen entstehen. Was heißt hier, nur Wasser oder Milch seien „erlaubt“?! Ich bin ein mündiger Dicker und mische mir, was ich will! Es wird immer toller: Im Supermarkt gehe ich auf Entdeckungsreise. Was lässt sich noch mit der Pampe verarbeiten? Da gibt es z.B. Gläser mit indischen Currymischungen. Herrlich! Was ist mit Fisch? Klaro: Sardellenpaste! Und statt Brühe Fischfond. Ein paar Blätter Salbei dazu – perfekt! Ich frage mich, warum die Hersteller nicht kreativer sind und verschiedene Fertigmischungen anbieten? Vermutlich wollen sie bewusst ihrem Pulver so eine mystische, geheimnisvolle Aura des Wundermittels geben und nicht durchblicken lassen, dass es auch nur eine einfache Mischung bekannter Zutaten ist, die sich ganz profan zu einem leckeren Suppenkonzentrat mixen ließe.

Ja, aber, werden nun die Almased-Jüngerinnen (es scheinen fast nur Frauen zu konsumieren) sagen, dann wirkt es aber auch nicht. Ha, und wie es wirkt: Nach der ersten Woche bin ich sechs Kilo leichter, und nach einer weiteren Woche ein weiteres Kilo. Zuerst verliert man viel Wasser, daher das riesige Anfangsergebnis. Dann pendelt es sich ein. Im Schnitt habe ich nun nach sieben Wochen pro Woche ein bis zwei Kilo verloren. Insgesamt waren es 12. Mit den zuvor verlorenen Pfunden und einigen Rückschlägen sind das bis heute 20 Kilo weniger als zu Beginn! Ein schönes Ergebnis.

Mit stolz geschwellter Brust (und eingezogenem Bauch) erscheine ich in der Klinik zur Nachuntersuchung. Der Chefarzt ist beeindruckt. Viele Patienten kommen mit mehr Speck auf den Hüften wieder zu ihm und haben nichts begriffen. Zur Belohnung stellt man bei mir fest, dass der Stent frei ist und sich die anderen kritischen Stellen nicht weiter verschlechtert haben. Meine Blutwerte sind optimal. Keine Spur von Diabetes mehr! Das Cholesterin wie bei einem jungen Gott. Ich bin auf einem guten Weg.

Ab Ostern komme ich in die dritte Phase. Zwei normale Mahlzeiten und einmal Almased. Fast schon schade. Ich kann mir vorstellen, öfters eine Mahlzeit durch Almased zu ersetzen. Neben dem Abnehmen hat es für mich noch einen ganz anderen, vielleicht viel entscheidenderen Aspekt. Zunächst einmal musste ich mir keine Gedanken mehr machen, was ich essen soll. Das ist sehr bequem. Trotz aller Kochlust war es mir doch manchmal lästig, über das Essen nachzudenken. Und ich dachte oft daran. Zu oft. Allein das macht ja auch ständig Appetit. Der Knaller aber ist, dass ich mich nun wie ein Kind auf meine eine, richtige Mahlzeit freue. Ich darf fast alles essen (außer Kohlenhydrate am Abend und möglichst kein Zucker und Weißmehl). Trotzdem habe ich meinen Fleischkonsum eingeschränkt. Völlig unbewusst. Ich esse fettärmer. Ich esse mehr Gemüse. Von allem nicht mehr so viel. Alles schmeckt tausendmal besser als vorher! Und ich merke wieder, wenn ich satt bin. Aber in einem bin ich überhaupt nicht satt, da habe ich Blut geleckt: Jetzt habe ich einen tollen Anfang hingelegt und jetzt mache ich weiter. 128 Kilo standen gestern Morgen auf der Waage. 148 waren das mal. Jetzt knack ich die 120 bis Pfingsten!

Am 27.12. bin ich um halb sieben aufgewacht. Putzi würde gleich kommen. Hat ne Weile gedauert, bis ich begriff, dass ich im heimatlichen Bett lag und die Reha Geschichte war. Die Liebste musste in’s Büro, also stand ich auf und machte ihr Frühstück, wie gewohnt. Ich hatte noch keinen Hunger, war ich doch erst um 8 Uhr den Gang in den Speisesaal gewohnt. Als die Liebste dann verabschiedet war und ich vor dem Kühlschrank stand und mir überlegte, was ich nun essen solle, kam die Erkenntnis wie ein Schock: Du bist jetzt zu Hause und musst dich selbst verpflegen. Der Gedanke schmeckte mir gar nicht, das Frühstück aber trotzdem (überhaupt schmeckt es schon wieder zu gut!).

Mich fein gemacht und den Hund gesattelt und mal schnell rüber gefahren in die Klinik, um mich offiziell abzumelden. Alle Parkplätze waren besetzt und ich musste meilenweit latschen. Was regst du dich auf, sagte ich mir. Normalerweise wärst du jetzt auf dem Fahrrad, du Weichei! Also beweg dich gefälligst ein bisschen. Genau das ist das Problem. Jetzt gibt es keinen Plan mehr, wann ich wo was tun soll. Der Tag will von mir persönlich strukturiert sein. Sau blöd das! Es war so schön bequem.

Die folgenden Tage zeigten diesen Zustand der Schwebe ganz deutlich. Trotz allerliebster Pflege und Hingabe der Liebsten fehlte mir plötzlich die sonst so kritisch bewertete Klinik und ihr durchgeplanter Ablauf. Dazu kamen etliche Beschwerden aus meinem Brustkorb. Es zwackte hier und stach dort, der Rücken schmerzte, stechende Schmerzen im linken Oberarm, Übelkeit – alles mögliche Anzeichen eines erneuten Infarktes. Da ich sowieso eine neue Krankmeldung brauchte und die Bitten der Liebsten, doch endlich zum Arzt zu gehen, nicht länger ignoriert werden konnten, machte ich mich auf zu meinem Kardiologen. Um vor verschlossener Türe zu stehen. Weihnachtsferien. In dringenden Fällen sei Herr Dr. Soundso für mich bereit. Der kennt mich aber gar nicht. Hat keinen Arztbrief bekommen und ist vermutlich mehr als genervt von einem reha-süchtigen Nervenbündel. Also beschloss ich, die Zähne zusammenzubeißen und lieber etwas shoppen zu gehen. Die Stieftochter nebst Freund wollte über den Jahreswechsel kommen und es galt, diese jungen, meist immer bis zum Anschlag weit aufgesperrten Mäulchen zu füllen. In Supermärkten fühle ich mich sofort wohl. Das Gefühl, hier niemals verhungern zu können, ist zu vergleichen mit der Geborgenheit unter Mutters Schürze. Ich sollte eigentlich lebenslanges Supermarktverbot mit anschließender Sicherheitsverwahrung unter veganer Aufsicht bekommen.

Von diesen Ausflügen in die Schlaraffenländer und den nassen Gassigängen mit dem Hund abgesehen, hing ich zuhause rum. Unzufrieden mit mir selbst und meist ziemlich müde. Dabei hätte ich konsequent den Reha-Weg fortschreiten können. Das Trainingsfahrrad steht ja hier im Gästezimmer rum. Statt dessen hänge ich auf der Couch rum, horche in mich hinein, gleiche die Dauer der Brustbeschwerden mit meiner Uhr ab („wenn’s länger als fünf Minuten andauert: sofort 112 rufen!“) und kämpfe ansonsten mit bleierner Müdigkeit. Die Liebste ist besorgt und genervt in einem Atemzug. Sie gibt gute Ratschläge, versucht mich zu beruhigen und schiebt die Müdigkeit auf das Wetter. Da mag schon was dran sein. Trotzdem ist es nicht normal, dass ich 24 Stunden schlafen könnte. Ich liege oft im Bett und kann gar nicht schlafen, weil ich in mich hinein horche. Ich werde immer unzufriedener und unleidlicher. Die Liebste verzweifelt, betet mir immer wieder vor, wie gut man mich in der Klinik und der Reha eingestellt hätte und dass nach Menschen ermessen so schnell kein zweiter Infarkt auftritt. Sie scheint einfach nicht zu verstehen, wie ich mich fühle. Ich weiß, dass ich hervorragend behandelt wurde. Es ist aber unmöglich, das Wissen, das zwei weitere Arterien noch zu fünfzig Prozent zu sind und auch ein Stent sich wieder verschließen kann, einfach zu ignorieren. Ich bitte Sie, mal nicht an einen grüngestreiften Elefanten zu denken. Es geht einfach nicht, gerade wenn du nicht daran denken sollst.

So überprüfe ich jede Tätigkeit, der ich nachgehe, ob sie irgend eine Reaktion in meiner Brust auslöst. Das geht beim Treppensteigen so und hört beim Sex nicht auf. Ich weiß, dass ein Geschlechtsakt so anstrengend sein kann, wie in den zweiten Stock zu gehen. Deswegen haben Ärzte auch nichts gegen Sex, wenn der Patient in der Lage ist, ein Lotterbett im zweiten Stock zu erreichen. Ich wohne im zweiten Stock und habe, so gesehen, allein durchs Gassigehen und Einkaufen schon mehrmals am Tag Sex. Auf ein weiteres Mal käme es also nicht an. Aber genau wie auf der Treppe höre ich im Bett in mich hinein. Ich kann das nicht abstellen. Und so gerät der Höhepunkt, so es ihn denn überhaupt gibt, zum unbefriedigenden Beweis, es gerade so überlebt zu haben. Kein Wunder, wenn die Partnerin sich zur Labormaus degradiert fühlen muss. Ich muss mit dem Arzt darüber reden, fürchte aber, dass er mir die defätistischen Gedanken auch nicht aus meinem Hirn treiben kann.

Vielleicht haben die Liebste und die Psychologin in der Reha doch Recht. Ich brauche Hilfe. Ich weiß nur nicht, wie das gehen soll. Ich habe mal den Rat der Psychologin umgesetzt und im Internet per Arztsuche nach Psychotherapeuten gesucht. Es gibt unzählige und mehr als die Adresse erfährt man dort nicht. Einige Wenige haben wenigstens eine eigene Homepage. Und von denen sind es nur ein paar, die auch ein Foto von sich eingestellt haben. Wie soll ich entscheiden, wem ich mein Innerstes anvertrauen kann. Viele sind weiblich und ich fürchte, das geht gar nicht. Ich habe das Gefühl, dass mich ein Mann besser versteht, obwohl ich mit Frauen im Beruf z.B. besser zurecht komme. Natürlich habe ich auch Angst davor, was dabei rauskommt. Vielleicht verstecke ich mich ja hinter meinem Fett vor solchen Erkenntnissen. Will ich die Wahrheit überhaupt wissen? Werde ich die Erkenntnisse verwerten können?

Die Schonzeit ist auf jeden Fall vorbei. Am Montag geht das neue Jahr los. Ich muss mich bewegen. Muss strukturiert meine Probleme angehen. Noch heißt dieser Blog „endabnahme“ und das Ziel ist immer noch klar. Ich muss, ich werde abnehmen. Bis März zur Herzkontrolle, will ich fünfzehn Kilo weniger drauf haben. Das ist ein ehrgeiziges Ziel. Ich will mich fordern. Das Neue Jahr muss wirklich neu werden. Meist scheitern die guten Vorsätze für’s neue Jahr ja ziemlich kläglich. Bei Roland Kopp-Wichmanns Persönlichkeitsblog habe ich ein paar gute Tipps gelesen, wie es trotzdem gelingen kann. Ich weiß, ich schaffe das!

Kaum habe ich den Fuchsbau begriffen, muss ich schon wieder fort.

Weihnachten in der Reha-Klinik – eine merkwürdige Erfahrung. Die Anwendungen am Morgen des Heiligen Abends fand ich noch normal. In anderen Berufen wird schließlich auch gearbeitet. Das Heimkommen nach dem Mittagessen hatte etwas von Feierabend nach einer langen Arbeitswoche. Zu guter Letzt hatte man mich noch geärgert. Zuerst mit gekochtem (!) Zander. Das geht gar nicht! Ich hatte mich so auf gebratenen gefreut. Dazu eine Gemüsesoße, ganz lecker, und Kartoffeln, die ich aus Protest liegen ließ. Während des Essens kam meine Ärztin auf mich zu, mit Leichenbittermiene, und bat mich, nach dem Essen doch noch einmal zu ihr ins Arztzimmer zu kommen. Fast wäre mir der Fisch im Hals stecken geblieben. Was war denn nun los? Komplikationen von denen ich nichts mitbekommen hatte? Mir war der Appetit endgültig vergangen.

Ich packte also meinen Kram und zog damit in die Kardiologie, denn ich wollte von dort gleich zum Auto. Die Liebste wartete, der Hund wollte Gassi und ich nur noch Heim. Das Arztzimmer war verschlossen, niemand mehr auf der Station. Ich ging zurück auf mein Zimmer und rief auf dem Schwesternzimmer an, ob die wüssten, wo Frau Doktor sei. Wussten sie auch nicht, riefen sie aber an. In 15 Minuten sei sie in ihrem Zimmer, ich solle schon mal hingehen. Ich also wieder zurück. Langsam kroch Wut in mir hoch. Die letzte Anwendung war um eine halbe Stunde vorgezogen worden und ich hatte mich bei der Liebsten entsprechend früher angekündigt. Was diese hoch erfreute, hatte sie selber doch noch einen geschäftlichen Termin in ihrem Seniorenheim wahrzunehmen. Nun musste ich sie anrufen und etwas vertrösten. 20 Minuten später war immer noch keine Ärztin da. Weitere 10 Minuten später kam mir die Galle hoch. und ich beschloss, einfach zu gehen, selbst wenn sie mir von meinem Exitus berichten wollte. Immerhin rief ich erneut im Schwesternzimmer an, um mich abzumelden. Die Ärztin hatte die Schwestern mittlerweile informiert, dass ich den Cholesterinsenker absetzen solle, da meine Blutwerte entsprechend gut ausgefallen waren. Das hatte sie mir mitteilen wollen. Toll. Wutentbrannt und einem 2. Infarkt nahe machte ich mich auf den Heimweg.

Zuhause dann endlich Weihnachten. Wunderschön mit meinen Kindern, der Liebsten und dem Hund. Ein bisschen geschlemmt, ein Bierchen und sogar einen geliebten Lagavulin genossen. Alles ganz unaufgeregt und friedlich. Die letzten Wochen hatten allerdings meinen Zeitrhythmus beeinflusst. Um Mitternacht überkam mich die Müdigkeit und so fiel ich, sonst eher Nachtmensch, ins Bett und schlief wie ein Stein.

Am Weihnachtsmorgen bin ich pünktlich um 6 Uhr wach. Gleich wird Putzi kommen. Verdammt! Du bist zuhause! Wunderschön. Selig drehe ich mich um und schlafe weiter. Um 8 Uhr weckt mich mein Handy. Wer zum Teufel ruft so früh an? Die Klinik? Nein – ein Freund, der gerade auch im Krankenhaus liegt, langweilt sich und will Frohe Weihnachten wünschen. Ich wünsche ihm die Pest an den Hals und kann nicht weiterschlafen. Alle anderen pennen natürlich noch. Hunger bohrt in mir. Mein Magen guckt auf die Uhr und beschwert sich. Es wird Zeit in den Frühstückssaal zu gehen. Bis 12 Uhr muss ich warten, bis der Rest der Baggage so weit wach ist, dass wir brunchen können. Danach bin ich so müde, dass ich mich wieder ins Bett verkrieche. Meine Muskeln tun überall weh und ich merke, was die in den letzten Wochen alles mit mir angestellt haben. Kaum bin ich eingeschlafen, kommt eine MMS mit dem Weihnachtsfoto einer Freundin. Ich ignoriere den Piepston. Kurz darauf piept es erneut. Jetzt bin ich fast wach. Das dritte Piepen schafft  es dann, mich endgültig aus Morpheus Armen zu reißen. Hat das Weib doch tatsächlich drei Mal hintereinander ein und dasselbe Foto geschickt! Sie sieht ganz lustig aus auf dem Bild. Ich kann nur gerade gar nicht darüber lachen.

Als die Kinder nach einem kleinen Plätzchen-Kaffee sich in Richtung Oma abgesetzt haben, können die Liebste und ich ganz dicht beeinander Jesu erste und meine zweite Geburt feiern. Ein einfacher und doch weihnachtlich köstlicher Linseneintopf rundet den Abend ab. Eine Nacht noch neben der Liebsten, dann muss ich wieder ran.

Die heimeligen Eckchen werde ich vermissen

Montag, 2. Feiertag, um viertel vor Sechs kräht der Hahn, ich springe verschlafen in meine Klamotten, küsse den verdutzten Hund und streichele die verschlafene Liebste zum Abschied und düse in die Klinik zurück. Bis viertel vor Acht muss ich zum Wiegen angetreten sein. Ich schaffe es gerade so. Werde aber mit 700 Gramm weniger für die Hetze und Entbehrungen der letzten Zeit entschädigt. Nicht schlecht für Weihnachten. Die Schwester schüttelt den Kopf. Freiwillig würde sie sich an den Fest- und anderen Tagen danach nicht wiegen. Das hätte zu hohes Frustpotential. Und Weihnachten sei doch das Fest der Freude.

Anschliessend gehe ich zum Frühstück. Mein Tisch ist verwaist. Wehmut kommt auf. Immerhin schließt man seine Mitherzchen doch irgendwie ins Herz, egal wie nervig sie sind. Sie waren ja meine Zweitfamilie. Nun muss ich alleine frühstücken. An den Nachbartischen sitzen viele Angehörige mit dabei. Irgendwie fühle ich mich einsam. Aber das wird mir bald vergehen. Erst mal Massage um 9:50 Uhr. Pünktlich zu Beginn merke ich wieder Beschwerden im Knie. Na prima, da kann sich der nette Therapeut gleich nützlich machen. Allein, so sehr er sich abmüht, es wird nicht besser. Jetzt hab ich schiss vor dem Fahrradfahren. An die Gruppengymnastik nachher gar nicht zu denken.

Halbe Stunde Pause. In der Ergometrie herrscht gähnende Leere. Beide Therapeutinnen sind anwesend, haben aber, zur Feier des Tages, Zivilkleidung an. Hätte ich das gewusst, wäre ich im Anzug gekommen. Fühle mich im Trainingszeug etwas underdressed. Wo denn meine Mitleidenden seien, frage ich. Die schwänzen alle, kommt die Antwort. Es scheint sie nicht zu wundern. Möglicherweise ärgert es sie sogar, dass ich als Einziger gekommen bin. So störe ich ihr Schwätzchen. Macht aber nix, sie stören ja auch meinen Vormittagsschlaf, den ich jetzt dringend bräuchte. Zur Rache darf ich 15 Minuten mit 80 Watt strampeln. Der Augensammler tötet derweil sein viertes und fünftes Opfer in meinen Ohren. Hach, es weihnachtet so richtig und mir fällt Loriots Gedicht vom Förster ein, dessen Gattin ihn zum Advent schlachtet.

Mein Knie tut so weh, dass ich erwäge, mich den Gepflogenheiten meiner Mitpatienten anzuschließen und die Gruppengymnastik zu schwänzen. Für den einen Patienten, der dann außer mir noch erscheint, wäre es ein Desaster gewesen. Auch die Trainerin freut sich, dass sie nicht ganz umsonst aufgestanden ist. So bilden wir ein Paar und werfen uns einen Gymnastikball zu, prellen und rollen ihn hin und her. Das hält sich im weihnachtlichen Rahmen. Und auch der geschmückte Tannenbaum gerät nicht in Gefahr blitz-entnadelt zu werden. Dennoch wanke ich völlig fertig ins Zimmer zurück. Dann fasse ich einen mutigen Entschluss und packe ich meinen Koffer. Das Mittagessen (Hirschbraten) nehme ich noch mit. Da ich heute keine weiteren Anwendungen mehr habe, melde ich mich vom Abendessen ab und beschließe, auch heute wieder zuhause zu schlafen. Dann brauche ich morgen nur noch bis um 10 Uhr in der Klinik aufzutauchen, um mich endgültig abzumelden. So habe ich noch etwas vom zweiten Feiertag und erspare mir einen frustrierenden letzten Abend und eine ebensolche Stimmung in diesem Blog.

Schönen Feiertag noch…

Reha, 19. Tag

Unfassbar wie Menschen an einem heiligen Samstag so früh aufstehen können! Selbst ich falle schon um 6 aus dem Bett, ohne dass Putzi daran Schuld auf sich geladen hätte. Dabei habe ich erst um 11 Uhr meine erste Anwendung. Ich lese noch ein bisschen bis 7 und quäle mich dann in den Speisesaal. Glück gehabt: Alle Kollegen sind schon fertig und quasseln in der Cafeteria weiter. So lasse ich es mit gut gehen. In aller Ruhe fahre ich in’s Dörfchen und ordere noch die fehlenden Backwaren für unser abendliches Fondue. Den Rest hatte ich schon am Donnerstag und gestern gekauft und im Auto gebunkert. Die Kühlschrank-Temperaturen eignen sich perfekt dazu. Jetzt muss ich nur sehen, wie ich die Tonnen von Nahrungsmitteln (es scheint eine Hungersnot kurz bevor zu stehen) nach oben in die Wohnung schaffe, ohne einen erneuten Infarkt zu bekommen.

In den Läden geht es erstaunlich ruhig zu. Entweder die Leute waren vernünftiger als sonst oder ich habe nicht mitbekommen, dass Weihnachten heuer ausfällt. So bummele ich gemütlich durchs Kurstädtchen und ergattere noch ein paar Schmankerl, die ganz plötztlich bei unserem Fest sonst wohlmöglich fehlen würden. Es gibt Bereiche, da lerne ich es nie! Ganz entspannt laufe ich wieder in der Klinik ein, um mich ein letztes Mal schinden zu lassen. Die Plackerei ist ein wichtiges Alibi für die abendliche Fressorgie. Ich werde alles geben.

Zuerst Venengymnastik zum Aufwärmen, dann Gymnastik in der Gruppe. Unterbrochen vom Mittagessen. Es gibt Zander und Salat. Abschliessend zur Verdauung ans Laufband. Und dann heißt es nur noch:

Frohe Weihnachten!

So langsam werde ich Reha-müde. Immer dieselben Anwendungen, dieselben Patienten, dieselben Geschichten. Es geht in den Schlussspurt. Da ist einem dann auch grad alles egal. Selbst die weckende Putzi, die quatschenden Herzchen und Kniechen, die Therapeuten mit ihren ewig gleichen Scherzen. Fit fühle ich mich auch. Was soll ich also noch hier? So langsam verstehe ich meinen hektischen Nachbarn, der schon zwei Tage nach Ankunft hier seinen vorzeitige Abreise noch vor Weihnachten ausgehandelt hat. Da hab ich was falsch gemacht.

Heute ist Abschlusstag, d.h., es werden Tests gemacht, wie fit das Herzchen ist. Angefangen mit Blutentnahme nüchtern um 7:15 Uhr. Hab ich natürlich verschlafen, bin schnell unter die Dusche und habe zum ersten mal hier der Putzi das Bettenmachen überlassen. Sie kann es einfach besser, chapeau! Grad bin ich am Bart stylen, klingelt das Telefon. Ob ich denn bitte schön wüsste, dass ich zur Blutentnahme … Ja, ja, ja! Ich komm ja schon. Weiß nicht, ob das für’s Herzchen gut ist, diese Hetze!. Im Labor mit hechelnder Lunge angekommen, finde ich die heilige Hallen leer. Irgendwann kommt dann eine ebenso verschlafene Schwester und zapft mich an. Mahlzeit und guten Morgen!

Danach fix zurück zum Frühstück. Diesmal treffe ich wieder alle an. Man hat die Leute von den fast verwaisten Tischen zusammengelegt, sodass wir wieder zu fünft sind. Der nette Hesse vom Kochkurs sitzt jetzt bei uns. Mit Hessen kann ich gut. Wenn sie morgens die Klappe halten. Und wenn nicht, versteht man sie wenigstens. Ein bisschen. Heute morgen ist der Dooortmunder still. Er kaut noch an seiner gestrigen Werkstattrechnung. Oder an einem der fünf Biere, mit denen er abends den Frust runter gespült hat. Der junge Mann, der so rumgemeckert hat, ist dran. Er ist viel gesprächiger als sonst und erzählt, dass er einen Bandscheibenvorfall mit Komplikationen im Bein hatte. Riesen Schmerzen bei Ankunft hier. Deshalb das Theater. Seit gestern Abend geht es ihm merklich besser. Sieht und hört man. Wir loben alle den Laden hier über den grünen Klee. Wiederkommen will trotzdem keiner. Heute geht der Förster. Er kommt aus Giessen und wir verabreden uns dort im Wald. Gleich, wenn man reinkommt links, da hinter der großen Buche, wo seine Wachtelhündin immer hinkackt.

Dann geht es zur Massage und anschließend zum Abschluss-EKG. Alles Routine. Ebenso der Ultraschall. Diesmal erhört die Therapeutin mein Ansinnen, den Schallkopf doch selber um’s Knie führen zu dürfen. Ist gar nicht so schwer, wie sie immer tun. Es ist aber weniger die Einsicht in selbständiges Patiententum als Zeitmangel, da noch drei andere Patienten versorgt sein wollen. Viele Kollegen sind schon im Urlaub und der Rest hat entsprechend zu tun.

Um halb Zwölf wird es spannend: Belastungs-EKG. Ich fahre gerne Rad. Stundenlang. Kein Problem. Aber dort, verkabelt wie ein Weihnachtsbaum, unter den gestrengen Blicken eines finster dreinblickenden Arztes (er hat nicht frei bekommen) und einer genervten MTA, macht es keinen Spaß. Ich fahre los, absolviere die ersten Watt-Erhöhungen. Dann wird es schwerer und schwerer. Es ist wohl Sinn der Sache. Ich will aber nicht. Und irgendwann kann ich auch nicht mehr. Meine Ärztin erscheint, fragt, ob ich Schmerzen hätte, nickt zufrieden, als ich lediglich auf meine brennenden Beinmuskeln verweise und bedeutet, mir zu folgen. Im Ultraschallzimmer rammt sie mir noch eine Sonde in die Brust und schaut TV. Es gurgelt und rauscht bedrohlich. Ich höre mein Herz und weiß im selben Augenblick, dass da was nicht stimmt. Ich blicke der Ärztin in die Augen und sehe, dass sie zusammenzuckt. Zittern nicht auch ihre Finger. Sehe ich da Tränen in den Augenwinkeln? Das dauert auch alles viel zu lange. Viel zu viel Knöpfe werden gedrückt und Regler verdreht. Dann darf ich mich abwischen. Sie rät mir „erst mal was zu essen“, dann solle ich noch Mal bei ihr vorstellig werden. Urgs! Das klingt nicht gut.

So gut das Kalbsgulasch mit Nudeln auch schmeckt, ich kriege es kaum runter. Die Gespräche am Tisch gurgeln an mir vorbei wie Walgesänge unter Wasser. Vermutlich hat die Ärztin was gefunden. Sie werden mich im besten Falle noch hier behalten, im schlimmsten den Bestatter zur Anprobe bestellen. Ich drücke mich noch ein wenig im Foyer herum, verabschiede mich erneut unter Tränen vom Förster, dessen Eltern offenbar beschlossen haben, seinen Hund zu behalten, ihn aber hier zu lassen. Dann fasse ich mir mein lädiertes Herz und schleiche in die Kardiologie. Dort lässt man mich noch eine halbe Stunde schmoren. Die erstaunlich gut gelaunte Ärztin lächelt mich an (das erste Mal in drei Wochen!) und verkündet, dass alles soweit in Ordnung ist. Das Herz sei leistungsfähig, nichts Auffälliges zu sehen. Gut, der Blutdruck sei noch etwas zu hoch, aber das würde ich zusammen mit meinem Hausarzt besprechen und regulieren. Ich bekomme noch ein Rezept für Herzsport und eine Liste von Vereinen, die das hier anbieten.
Seltsam leicht schwebe ich in mein Zimmer, reiße mir die Trainingsklamotten vom Leib und mache mich ausgehfein.

Ich will nämlich die Liebste im nicht all zu weit entfernten Seniorenheim besuchen. Nein, sie arbeitet dort. Mit einem Kreppel will ich sie und den kleinen Spanier überraschen. Die Freude ist groß. Sie springt an mir hoch und der Hund küsst mich. Oder umgekehrt. so genau habe ich das in der ganzen Freude gar nicht bemerkt. Der Kreppel schmeckt mitsamt dem Heimkaffee köstlich. Wir schwelgen in dem Wissen, nur noch für ein paar Stunden getrennt zu sein, um dann ein bescheidenes Weihnachtsfest zu feiern. Dazu fehlt aber noch ein bisschen was und so verabschiede ich mich schweren Herzens und steuere unseren Lieblings-Supermarkt an.

Morgen ist noch Mal Gefäß- und Gesäßgymnastik sowie Laufband angesagt. Das ist auch gut so. Denn so ganz bescheiden wird das Fest dann doch nicht ausfallen. Und ich will ja am Montag früh, wenn ich wieder antanzen muss, eine gute Waage abgeben. Schauen wir mal …

Die tiefen Töne der Alphörner klingen noch in meinen Ohren. Die haben ja gestern Abend geblasen, was das Zeug hielt. Schade, dass das Wetter so gar nicht passte. Die Hörner müssen ganz schön voll gelaufen sein. So ein Alphornkonzert hat etwas Erhabenes, ähnlich einem Orgelkonzert. Da geht einem das Herz uff wie en Krebbel, wie der Hesse sagt. Hätte es noch so schön Schnee gehabt, wie Vorgestern, wäre ich vor Ergriffenheit gestorben. Während die meisten Patienten sich draussen nasse Füße holten, hatte ich die Tür zur Terrasse aufgemacht und die Show von oben genossen. Fast wie in einer Loge.

Heute Morgen bin ich ganz alleine beim Frühstück. Ich bin zu spät runtergekommen, was sich nun als Vorteil erweist. Denn die Fußballnarren hocken jetzt in der Cafeteria und echauffieren sich dort noch über die gestrige Pokalpleite von Mainz 05. Dieser Kelch ging an mir vorüber. So lass ich es mir richtig schmecken. Der Neue von Gestern scheint gar nicht mehr zu kommen oder er war schon da. Überhaupt könnte man alle verbliebenen Patienten an einen Tisch setzen, so leer ist es. Ich schäkere ein bisschen mit der jungen Servicekraft, die eine neue Frisur nebst neuer Brille hat und irgendwie viel intellektueller aussieht als gestern. Ich weiß nicht, was mich reitet, ihr das auch zu sagen. Ich bin wohl der Einzige, dem das aufgefallen ist, oder der was gesagt hat. Sie war ja vorher schon extrem freundlich. Jetzt hat sie mich adoptiert. Vielleicht will sie mich sogar heiraten. Auf jeden Fall werde ich mit größeren Portionen beim Abendessen rechnen können.

Die Krankengymnastik, bzw. die Massage lockert meine Muskeln gut auf, sodass die Ergometrie mit mir, bzw. ich mit ihr, ihre Freude habe. Das Fahrrad schnurrt nur so vor sich hin. Sebastian Fitzeks Augensammler lässt sowohl meine Adern gefrieren als auch die 30 Minuten im Fluge vergehen. Alles klappt jetzt ziemlich reibungslos. Ich könnte noch Wochen oder Monate hier verbringen. Komisch: Jetzt, wo wir so nett zusammengefunden haben, die Klinik und ich, schmeissen sie mich bald raus.

Das berühmte Kaminzimmer im Fachwerkhaus

Fast hätte ich mich bei der Psychologin, bei der ich anschließend noch ein Gespräch habe, darüber beschwert. Aber ich will ihr die letzten Minuten mit mir nicht so schwer machen. Sie gibt mir noch Tipps, wie ich einen geeigneten Therapeuten finde, macht mir aber gleichzeitig nicht viel Hoffnung, gleich den richtigen zu finden. Logischerweise kommt es sehr darauf an, dass die Chemie stimmt. Deshalb bezahlen die Krankenkassen auch bis zu fünf Probestunden. Ich solle mich also nicht scheuen, ein paar auszuprobieren. Das würde zwar Zeit kosten, weil die meisten überlaufen sind, aber es lohne sich bestimmt.

Selbst die Gruppengymnastik bei der Schinderin ist heute ein Spielchen. Sogar die Bälle liegen mir heute und ich muss nur zwei Mal hinter mich greifen. Vielleicht steht mir noch eine Handballkarriere offen. Auch der Blutdruck und der Puls sind bestens. Was kann heute noch passieren?!

Mittags wieder das gleiche Glück wie morgens: Allein am Tisch! So schmecken die beiden Lammhacksteaks mit Böhnchen und Kartoffeln noch mal so gut. Witzig: Die Hacksteaks sind wie große Lampchops geformt, schmecken schön lammig und knofelig. Nur die Böhnchen lassen den Speck vermissen. Na gut, muss ja nicht sein (in einem Lokal hätte ich den Koch dafür entmannen lassen!). Noch ein Salätchen dazu und ein Schokodessert hintendrein. Das Leben kann so schön sein.

Wenn da nicht die Kundschaft wäre. Ich muss an Daten zuhause ran. Der Rechner stürzt ab und ich komme nicht mehr ins Netz. Ich rufe in der Rezeption an und keine drei Minuten später steht ein junger Mann neben meinem Laptop und kümmert sich. Sogar mit dem Apple MacBook kommt er klar. Ich finde das sensationell. Den meisten sonstigen SysAdmins klappt es die Zehennägel hoch, wenn sie nur Apple hören. Der junge Systemgott hier hat in wenigen Minuten den Fehler gefunden und erklärt mir sogar alles haarklein, damit ich es demnächst selber fixen kann. Wow! Wieder ein riesen Pluspunkt für den Laden hier!

Die Verbindung per TeamViewer zu meinem Home-Mac funktioniert trotzdem nicht. Das Netz ist einfach zu langsam. Also sattele ich mein Auto gleich nach dem Essen und fahre heim. Dort neuer Frust, weil die CD sich nicht lesen lässt, auf der die relevanten Daten drauf sind. Ich probiere mir einen Wolf bis ich’s aufgebe, die CD einpacke und wieder in die Klinik düse. Gerade noch rechtzeitig zur Einzelberatung in der Diätküche.

Hier gerate ich schnell in ein interessantes Streitgespräch. Eigentlich weiß ich ja alles über Ernährung. Während ich von meiner Low Carb Variante schwärme, empfiehlt mir die Diätassistentin eine Low Fat Ernährung, da diese in meinem speziellen Falle besser für’s Herzchen sei. Kohlenhydrate machen darüber hinaus eben auch besser satt und helfen, Heißhungerattacken zu überstehen. Ich halte dagegen, dass mit der Low Carb Methode bessere Gewichtsabnahmen erzielt wären (was sie mir zugesteht). Wir einigen uns auf eine kombinierte Methode. Die revolutionäre Low Carb Fat Methode. Zum Schluss erzähle ich ihr noch von den leichten Wurstprodukten, die es bei EDEKA gibt. Die wurden von einem Metzger zusammen mit dem Fraunhofer Institut entwickelt, haben nur 2 % Fett und schmecken überhaupt nicht mager. Die kannte sie gar nicht. Gleich im Anschluss an die Beratung will sie Einkaufen gehen. Ich frage noch, was ich für die Tipps bekomme. Aber sie lässt nicht mit sich handeln. Es gibt keine Extra-Wurst heute Abend für mich.

Der Tag könnte so schön enden, wie er bisher gelaufen ist. Aber es steht ja noch das Laufband an. Schon der Blutdruck ist von der Diät-Disskussion und dem Treppensteigen zur Muckibude ziemlich hoch: Nach drei Minuten kann ich nicht mehr. Die Muskeln verkrampfen und die Puste fehlt. Der Trainer fährt die Geschwindigkeit erheblich runter, lässt mich wieder zur Luft kommen und regelt dann wieder moderat höher. Irgendwie klappt das nicht heute. Ziemlich groggy erreiche ich nach zehn Minuten das Ziel. Immerhin ist der Blutdruck nicht weiter gestiegen und der Puls nicht zu hoch. Auch der Atem geht sehr schnell wieder normal. Noch einmal soll ich auf’s Band, bevor sie mich rauswerfen. Bin gespannt, wie das geht. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Jetzt noch bisschen Augensammler und dann geht’s zum Kalorientanken. Heute Abend mit Pizza und Pech. Es gibt Mini-Pizzen und Salate. Und den Dooortmunder mutterseelenallein am Tisch. Ich überlege kurz, heute einen Fastenabend einzulegen. Der Hunger setzt sich aber durch und ich mich neben das Unvermeidliche. Er hatte heute nichts Besseres vor, als unbedingt in eine Autowerkstatt zu fahren. Sein Opppel sein Rückliiicht war völlich kapuuudd. Da gab es keinen Aufschub, datt musste sofooot sein! Und als er sein Auto wieder abholen wollte, überreichte ihm der freundliche Oppel-Dealer eine Rechnung über 269 Euro. Spinnder, hömma?! Und holt die Rechnung tatsächlich raus und hält sie in den Speisesaal, auf dass jeder hier diese Schande der Marktwirtschaft mitbekommt. Vor lauter Ereiferung bekommt er keinen Bissen runter. Gottseidank weiß ich ja nun, was bei Kammerflimmern zu tun ist und schaue mich schon mal nach einem Defibrilator um.

Warten auf Frauchen

Ich weiß auch, dass es ungesund ist, zu schnell zu essen, aber die Umstände … Außerdem hatte ich eh vor, den Abend für Weihnachtseinkäufe zu nutzen. Morgen habe ich zwar schon ab Mittag frei, aber den Run auf die Supermärkte will ich mir da nicht antun. Ich bin schließlich herzkrank. Heute Abend geht nur die normale, arbeitende Bevölkerung shoppen und die will schnell heim. Mein Kalkül geht auf: Ein gähnend leerer Edeka empfängt mich, die Regale prall gefüllt. In aller Ruhe schlendere ich durch das Schlaraffenland und nehme im Geiste schon wieder 3 Kilo zu. Bei den Sößchen steht neben mir eine junge Blonde mit Wallemähne im schwarzen Pelz, gewagtem schwarzen Mini, schwarzen Netzstrümpfen und den schwärzesten, highesten Heels, die ich je gesehen habe. Sie hält genau wie ich ein (schwarzes) iPhone in der einen und ein weißes Sößchen in der anderen Hand. Wir schauen uns an und müssen beide schallend lachen. Es muss ein toller Anblick gewesen sein. Kur-Matratze neben Kur-Fass. Wir begegnen uns noch ein paar Mal, sie zwinkert mir zu und vielleicht gibt sie mir beim dritten Mal ihre Nummer. Auf dem Parkplatz sehe ich sie in einem schwarzen Ferrari 485 entschwinden. Ich bin mir jetzt ziemlich sicher, dass meine Berufseinschätzung ins Volle trifft. Von der Kasse aus beobachte ich noch einen witzigen Hund, der im Zwischeneingang sehnsüchtig auf sein Frauchen wartet. Mein Frauchen ist gerade auch alleine einkaufen und ich wäre mindestens so gerne bei ihr, wie der Kleine bei seinem. Noch 36 Stunden …

Was ist die grausamste Art, einen Tag zu beginnen? Ist es der Hahnenschrei des Weckers? Die antiquarische Mischbatterie der Dusche, die rhythmisch von kochendheiß auf eisekalt springt? Putzi? Ein plapperndes Töchterlein? Nein, es geht noch viel schlimmer. Die Mutter der grausamsten Tagesbeginne ist ein Tischnachbar aus Dooortmund, der Fußball über alles liebt, am Frühstückstisch. Das Exemplar, das gestern frisch eingetroffen ist. Er ist ziemlich sauer, dass er gestern nicht das Dortmunder Pokalspiel gesehen hat. Er wusste nicht, dass es hier per Sky live übertragen wurde. Statt dessen hatte er in der Cafeteria ein Weizen geschlürft. Nun hadert er, ist sowieso sauer, weil sein Verein um ein Haar eine Klatsche bekommen hätte. Sein Tag ist gelaufen, bevor er richtig angefangen hat. Meiner auch. Denn nichts ist schlimmer, als wenn man nicht mal kompetent dazu schweigen kann, weil man vom Fußball nix versteht.

Als erstes muss ich dann auch noch aufs Fahrrad. Mit vollem Bauch keine gute Idee. Meine Oberschenkel sind auch dieser Meinung. Anschließend um kurz nach 9:00 Uhr ist Visite. Diesmal rauscht die Oberärztin rein, gefolgt von der verhuschten Assistenzärztin. Sie sieht mich das erste Mal und will erst mal wissen, wie das mit meinem Bart ist. Das Übliche. Wir schäkern eine Weile, die Assi verdreht die Augen. Es warten ja noch 269 andere Patienten. Dann kommt sie zur Sache: Meine Werte sind alle hervorragend, ich solle so weiter machen, vor allem mit Sport. Drei mal die Woche eine halbe Stunde aus der Puste kommen ist meine Lebensversicherung. Sie bespricht die Medikation, freut sich, dass ich mit diesem Blutverdünner den Rolls Royce unter den Blutverdünnern bekäme. Ach, sie macht mich richtig stolz. Und schon rauscht sie von dannen. Die kann öfter kommen. Sieht auch gar nicht unflott aus.

Es wird weihnachtlich aufgerüstet

Auf dem Weg zur Gruppengymnastik treffe ich die armen Schweine, denen das Treppensteigen bevor steht. Hoch erhobener Nase schreite ich an ihnen vorüber. Weicheier! Ich darf ja nicht mehr, sonst würde ich denen voran stürmen und mal zeigen, wo Barthel den Most holt (ganz oben unter dem Dach, hä, hä, hä!). Ich könnte das natürlich auch den Genossen bei der Gruppengymnastik zeigen. Aber angesichts der Trainerin wird meine große Klappe ziemlich klein. Heute ist die schlimmste Schinderin von allen dran. Sie liebt Ballspiele. Ich nicht. So werden wir auch heute keine Freunde. Mein Puls liegt danach um 12 Schläge höher (in der viertel Minute), was sie leicht zusammenzucken lässt. Das ist grenzwertig. Sie macht mit mir Atemübungen und der Puls beruhigt sich sehr schnell. Ich sage ihr nicht, dass bei ihrer blonden Kollegin der Puls nicht so schnell wieder runter geht. Man will ja nicht uncharmant sein.

Und schon wieder ist Mittagspause. Der Doooortmunder hadert immer noch. Das kann ja lustig werden. Ich schiebe mir den Krautwickel rein und schlürfe das etwas flüssige Kartoffelpü hinterher. Alles sehr lecker. Fast wie bei Muttern. Das hatte ich ewig nicht mehr gegessen. Alle anderen sind auch des Lobes voll. Nur ein weiterer Neuer nicht. Wirklich kein Herzchen. Ein doppeltes Knielein. Deshalb bobbert er auch doppelt so viel wie die anderen Orthos. Mir fällt auf, dass Orthos sich mehr aufregen als Herzchen. Klar, denen steht der Infarkt ja auch erst bevor.

Geschmückt wird gnadenlos überall

Geschmückt wird gnadenlos überall

Im Haus wird schwer aufgerüstet. Nun bricht die Weihnachtsstimmung gnadenlos durch wie weiland in Stenkelfeld. Die Rollis fahren Slalom um die zahlreichen Leitern, die im Wege rum stehen. Auf ihnen fluchende Hausgeister, über und über mit Dekokram bedeckt wie Rudolf, das rotnasige Rentier auf Speed. Überall hängen grüne Plastikgirlanden und fette, güldene Putten grinsen debil auf die Patienten runter. Sterne in allen Größen und Strahlformen, Glöckchen (gottseidank kastriert und somit still) und flirrendes Lametta. Elektrische Kerzen blinken fröhlich in den grellsten Bonbonfarben. In meinem Postfach entdecke ich eine kitschig gestaltetet Einladung des hiesigen Pfarrers zur Weihnachtsfeier am Samstag in der klinikeigenen Kapelle. Den Speisesaal beherrscht eine riesige Fichte, getarnt als Nordmanntanne. Noch ist sie nackt. Aber die darum drapierten Kartons lassen erahnen, in welcher Pracht sie bald erstrahlen wird. Die armen Patienten, die in der Nähe sitzen. Ich würde ihnen dunkle Ray Bans spendieren. Cool durch Zufall, hier sitzen zu müssen.

Um 13:30 Uhr darf ich zur Konzilvisite beim Orthochef. Ein rundlicher, verschmitzt aussehender Tscheche begrüßt mich freundlich. Fritz Muliar hätte ihn bestens spielen können. Ich bin unwillkürlich an diesen längst verstorbenen Schauspieler erinnert. Der Arzt hat ein ansehnliches Bäuchlein. Für einen Orthopäden und Sportarzt nicht gerade Vertrauen erweckend. Wenn da nicht der „vergniegte“ Ton wäre, der ihn so vertraut scheinen lässt wie den legendären braven Soldaten Schwejk. Er schaut auf meine Laufkarte, schwenkt den Blick auf einen Kalender und lacht lauthals ein fröhliches Keckern. Ich sei ja nur noch drei Tage hier, was solle er denn da noch mit mir anfangen! Da kann ich ihm nur beipflichten. Scheißladen. Ich hatte ja gleich bei der Aufnahme drum gebeten. Irgendwie hat er Mitleid mit mir und will mich wenigstens mal untersuchen. Ich schildere meine Probleme, er nickt wissend und bittet mich auf den Untersuchungstisch. Drückt hier und da, lacht immer wieder kurz auf. Schön, dass er seinen Spaß hat mit mir. Ich möchte auch lachen.

Dann muss ich mich auf den Bauch legen und darf ihm meine Kniekehlen obszön frei machen. Mit einem Ultraschallkopf setzt er kurz an und lacht triumphierend auf. „Jooh, do hammir jo Brobläääm!“. Er entschuldigt sich noch für das etwas altersschwache Gerät, das nicht so hoch auflösen würde und verkündet seine Diagnose. Es ist eine riesige Zyste ganz tief in der Kniekehle. Heureka, es ist gefunden! Unglaublich, dass mein Orthopäde und zwei Krankenhäuser das nicht gesehen haben. Der brave Schwejk empfiehlt mir eine weitere Diagnostik mittels besserer Ultraschaller oder ein MRT, wobei er beim MRT Schwierigkeiten sieht wegen meines Stents. Die magnetischen Spulen dieser Geräte ziehen alles Metallgewebe im Körper an. Mag ich mir momentan gar nicht vorstellen. Ich solle da aber ins nahe gelegene Krankenhaus gehen, der Chef dort sei ein Spezialist für Knie. Man könne entweder eine Punktierung oder eine Spiegelung versuchen, was aber z.Zt aber auch blöd ist wegen der Blutverdünnungsmittel. Man könne auch zur Not mit so einer Zyste leben und sich entsprechend vorsichtig bewegen (was doof ist, da ich ja Sport treiben soll). Medikamentös ist es kaum besser zu behandeln. Evtl. Schmerzmittel, wenn es zu doll weh tut. Man glaubt gar nicht, wie erleichtert ich bin, endlich zu wissen, was los ist. Jetzt kenne ich den Feind und kann ihm begegnen. Auch wenn es zunächst vielleicht nicht einfach ist. Ich habe beschlossen, dass es für dieses Jahr reicht mit schlechten Nachrichten. Und nächstes Jahr würde ich gerne eine Auszeit von den Katastrophen nehmen. Allerhöchsten noch heiraten.

Letzte Station für heute: Laufband. Der Patient vor mir ist schon zum zweiten Mal nicht erschienen und so hat mich der Therapeut angerufen, ob ich nicht früher kommen wolle. Klar doch, ich fiebere geradezu danach. Nach Pulsmessen (130:80) eröffnet er mir, dass die (eigentlich ziemlich unattraktive, wenn ich mir’s recht überlege) Oberärztin mir faulem Sack Beine machen will. Sie hat die Geschwindigkeit und die Steigung erheblich nach oben gesetzt. Meine Muskeln tun schon weh, bevor ich einen Meter gelaufen bin. Der Therapeut beruhigt mich. Ich könne ja jederzeit aufhören. Also renne ich los und merke schon nach wenigen Minuten, dass ich das heute kaum überleben werde. Nach 5 Minuten kämpfe ich mit meinem innern Sauhaufen, der jetzt abbrechen will. Eine Minute noch, feilsche ich mit ihm. Eine viertel Minute und ich lass Dich umfallen, du Spinner, bekomme ich als Antwort. Gut dass er nicht mehr viel zu sagen hat. Nach sieben Minuten feuert mich der Trainer an: die letzten drei Minuten! Ja schon, aber die werden immer länger! Da stimmt was nicht mit dem Gerät. Der Therapeut ist humorlos und erklärt mir umständlich, warum einem die Zeit zum Ende hin immer länger vorkommt. Die Thüringer sind richtig gut, aber Quatsch machen kann man mit ihnen weniger.

Ich falle nach exakt 10 Minuten vom Laufband. Der Blutdruck rast bei 170/100, der Puls ist aber auf moderaten 100. Ich gehe in die Torwarthaltung, wie ich es gelernt habe und setze die Lippenbremse ein. Das bedeutet nicht, dass ich mit den Lippen das Laufband stoppen muss, sondern ich gehe mit den Händen auf die Knie und stütze mich dort breitbeinig ab. Dabei atme ich durch die Nase ein und lasse den die Luft beim Ausatmen zwischen den Lippen entweichen, die leicht geschlossen sind und somit die Luft abbremsen. Das ist eine sehr effektive Methode, den Blutdruck und den Puls zu senken.

Bevor mir am Nachmittag die Decke auf den Kopf fällt, beschließe ich ins Dörfchen zu fahren und ein paar Store Checks zu machen. Vor Weihnachten kann man sich nirgends so umfassend und tiefenwirksam kasteien wie in den Supermärkten. Die Genüsse pflastern zahllos den Weg durch die prallen Regale. Ich habe unglaublichen Hunger und kämpfe mit mir. Vielleicht bin ich auch nur schwanger. Ich kaufe Gewürzgurken und sauer eingelegte Heringe. Der Abend könnte lang werden.

Die freie Zeit vergeht rasch im Paradies. Viel zu schnell naht der Abend und das Abendbrot. 17:45 Uhr machen die schon den Saal auf und die Darbenden strömen ein wie die Sintflut. Ich könnte jetzt ein ganzes Rind vertilgen und ströme mit. Lecker Salätchen und Minifrühlingrollen gibt es. Ich hau mir den Ranzen voll, auch wenn die süßsaure Chilisoße fehlt, ohne die es sonst gar nicht geht. Der Doooortmunder quasselt in einer Tour mit vollem Mund über Gott, die Telekom und die Welt. Dann wechselt er zum neuen iPhone und zieht über Apple her. Der Kerl ist ein regelrechter Apple-Hooligan. Ganz langsam und lasziv ziehe ich mein iPhone raus und schaue gelangweilt nach neuen Mails. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie er zu mir rüberschielt. Dann ist er plötzlich still. Für eine erholsame Minute. Dann wendet er sich mir zu und erzählt, wie beschissen sein HTC sei. Plötzlich ist Android der letzte Dreck und er überlege sich, ein iPhone zu kaufen. Aber nicht von Appel. Der Kerl ist ein Brechmittel. Die Frühlingsrollen behalte ich aber bei mir. Bezahlt ist bezahlt. Auch wenn die BFA die Sause übernimmt.

Heute Abend soll es am Haupteingang eine musikalische Überraschung geben. Die Stones werden wohl kaum zum 50. Bühnenjubiläum aufspielen. Ich tippe auf die örtliche Feuerwehrkapelle oder die Altherrenmannschaft des Kurorchesters. Wenn’s ganz schlimm kommt, ist es der Landfrauenchor. Obwohl … wenn sie Plätzchen mitbrächten … Nein, ich stopfe mir die Kopfhörer rein und gönne mir ein wenig Stoppok.

Nicht die Feuerwehrkapelle. Alphornbläser waren es!

Brutal reisst mich das iPhone aus dem Schlaf. Vor der vereinbarten Zeit! So geht das gar nicht! Entweder der Hahn weckt mich, oder Putzi. Jetzt aber klingelt das Telefon. Die Liebste. Mitten in der Nacht?! Mein Gott, was ist los?! Sie flötet einen Guten Morgen. Es ist fast sieben und wähnte mich schon auf. Kann ich dieser Frau böse sein?! Noch ziemlich verdattert wünsche ich auch einen guten Morgen und will zu ihr rübergreifen. Aber da ist ein leeres, kaltes Bett. Mist. Gerade jetzt hätte ich noch ein viertel Stündchen an ihrem warmen Körper gebraucht. Um 3, um 4, um 5 Uhr war ich in der Nacht wach geworden, hatte intensiv irgend einen Mist geträumt. Immer wieder das Selbe: Höhnisch lachende Schokoriegel tanzten mit Rindswürsten um mich herum und ich schmachtete hungrig wie ein Verdurstender in der Wüste. Ich weiß gar nicht, ob mir die Reha so gut tut.

Heute sind Schneeketten an den Fahrrädern angesagt

Das Programm beginnt heute sanft mit Ultraschall erst um 9:10 Uhr. Ich kann also gemütlich frühstücken. Vielleicht ist ja auch schon ein neuer Tagesplan da. Ich soll ja zum Knie-Doc. Also erst mal in die Box geschaut. Leer. Mist. Was mach ich jetzt mit den ganzen sportlichen Anwendungen? Gestern waren sie doch gestrichen worden. Na, mal sehen, Ich geh einfach tapfer hin. Beim Frühstück beäugen wir misstrauisch gegenseitig den Teller der Nachbarn und machen uns darauf aufmerksam, dass wir für heute unser Fett damit schon weg haben. Mein Gott, eigentlich dürften wir gar nichts frühstücken. Da bleibt ja nichts mehr für den Rest des Tages! Gut, ich nehme Halbfettmargarine, was anderes ist ja nicht da. Gestern hatte die Kochhexe noch als Alternative Miracle Whipp So Leicht empfohlen. Nur 5,2 % Fett. Zuhause nehme ich die schon lange. Hier fehlt sie. Jetzt noch die fettarme Wurst und den fettreduzierten Käse berechnen. Die Fettanteile sind angegeben, leider nicht das Gewicht. Und was ist in den Vollkornbrötchen (wirklich sehr lecker) an Fett drin? Wir schätzen und drücken es uns mit schlechtem Gewissen rein. So macht das keinen Spaß.

Nach dem anschließenden Ultraschall mit Extra-Portion Voltaren habe ich ein Date mit dem Sozialdienst. Ich möchte wissen, welche Möglichkeiten ich habe, wenn ich nicht voll weiter arbeiten kann. Ich soll ja erst mal halblang machen. Der junge Sozialarbeiter würgt meine Erklärungen und Schilderungen der beruflichen Situation gleich ab. Ich solle einen Termin mit einem Berater der Deutschen Rentenversicherung machen. Das ginge auch hier im Hause, nur eben jetzt vor Weihnachten nicht mehr. Ahjah, ich bin ja auch erst seit gestern hier. Hätte man ja auch mal früher dran denken können. Die Rentenversicherung bietet neben dem Krankentagegeld auch Überbrückungshilfen an. Sie ist sogar für die Vermittlung von geeigneten Arbeitsstellen zuständig und gibt den Arbeitsagenturen einen Sperrvermerk, dass die mich nicht ohne Weiteres irgendwo hin vermitteln können. Auch die Frage der Frühverrentung wird dort geklärt. Ich bekomme eine Adresse ganz in der Nähe meines Wohnortes und rufe da gleich mal an. Ich soll nächstes Jahr wieder anrufen. Momentan seien alle Termine belegt und neue gibt’s erst wieder im Januar.

Da nichts Gegenteiliges auf dem Plan steht, erscheine ich pünktlich zum Fahrradfahren, nicht ohne Protest anzumelden. Eine Nachfrage bei der Ärztin geht in’s Leere, die Dame ist nicht im Haus. Nach zähen Verhandlungen erreiche ich einen 50 % Nachlass auf die Fahrtzeit. Alles geht gut und ich mache mich auf den Weg zur Gruppen-Gymnastik. Dort will ich ebenso um die Teilnahme feilschen, aber das blonde Gift ist hartnäckig. Sie will mich leiden sehen. Ich solle es auf jeden Fall erst einmal versuchen. Dann verteilt sie Matten und verlangt von uns, vor ihr auf die Knie zu gehen. Nicht das ich nicht grundsätzlich vor Weibern knien würde. Es sind ganz einfach orthopädische Gründe, die das z.Zt. unmöglich machen. Also weigere ich mich. Sie zeigt mir, wie ich mich auf die Matte fallen lassen kann, ohne die Knie zu belasten. Ich solle dann eben nur die Bauchübungen mitmachen. Der Bauch allerdings zwingt mich zunächst in eine Maikäferhaltung. Ich liege auf dem Rücken, die Extremitäten in der Luft rudernd und komme mir reichlich blöd vor. Die Trainerin hat ein Einsehen und bricht für alle diese Übung ab. Wir können wieder aufstehen. Wenn wir können. Ich kann nicht. Ein anderer Patient will mir aufhelfen, scheitert aber an meinem Gewicht. Ich rufe nach einem Wagenheber. Aber dann klappt es doch noch. ich stehe wieder aufrecht, die Knie schmerzen höllisch und ich komme mir verarscht vor. Der Rest der Übung ist ein neckisches Ballspiel. Wir bekommen jeder eine Nummer und müssen der jeweils höheren Nummer den Ball zu werfen, wenn ich den zuvor von der vorangehenden Nummer denn gefangen habe. Hört sich leicht an, ist es aber nicht. Denn wir sollen alle durcheinander rennen. So sieht es in einem Ameisenhaufen aus. Chaos pur. Mein Knie hat sich verabschiedet und schweigt stille.

Das Mittagessen bringt uns ein neues Herzchen. Der freut sich auch, an Weihnachten endlich mal von seiner buckligen Verwandtschaft befreit zu sein. Ich wäre gerne von der Pizza mit Paprika und Kochschinken befreit worden. Pizza geht hier gar nicht. Wegen des Fettgehaltes ist sie wieder sehr übersichtlich ausgefallen. Hätte ich nur das Rindergeschnetzelte genommen. Die anderen haben und freuen sich. Ich hol mir noch eine Suppe und reichlich Obst.

Nach dem Mittagessen gehts zur Massage, wie immer sehr wohltuend. Das werde ich vermissen. Ob die Liebste das vielleicht auch kann? Der Massage habe ich es zu verdanken, dass ich die anschließende Treppenralley sehr gut überstehe. Ohne Lock-Weib steige ich souverän die Stufen hoch wie ein junger Gott. Der Trainer ist beeindruckt und befreit mich für den Rest der Woche von dieser Tortur. Jetzt nur noch Laufband. Auch das klappt hervorragend. Es wird eine Stufe schneller und die Steigung höher. So laufe ich fast einen Kilometer an einem Stück ziemlich zügig. Das hatte ich zuletzt im letzten Jahrtausend geschafft.

Der Nachmittag schließt mit einem Seminar über die Koronare Herzkrankheit ab. Was passiert bei einem Infarkt genau, was für Unterschiede gibt es, wie kommt es dazu, welche Risikofaktoren gibt es, wie kann ich sie vermeiden. Der Arzt referiert anschaulich und sehr gut. Einerseits vermittelt er uns Wissen, was uns wieder ein Stückchen sicherer macht. Andererseits haben wir aber auch Sorge, ob wir die Risikofaktoren wirklich werden beseitigen können. Denn nun gehören wir zum Club. Austritte sind leider nicht möglich, aber man kann die Zugehörigkeit entscheidend verlängern. Oder man wird brutal und endgültig rausgeschmissen.

Zum Abendbrot wirkt noch das schlechte Gewissen. Ich esse einen Zwergenteller Erbsensuppe und zwei Zwergenschüsseln Salat. Also nur den Salat. Nicht die Schüsseln. Obwohl – sie haben kaum Fett, warum also nicht? Man kommt hier dauernd in’s Grübeln.

Eiskalt erwischt!

Zwei Wochen sind heute geschafft. Ein frostiger Ausblick begrüßt mich zur dritten Woche. Ohne den Ausgang am Wochenende wäre das bisher kaum auszuhalten gewesen. Wie schaffen das die Leute, die von weiter her kommen und lediglich Besuch erhalten? Das sieht sehr verkrampft aus. Man weiß nicht recht, wohin. Meist sind Kinder dabei, sodass sich auch intimere Momente auf dem Zimmer verbieten. Eigentlich bräuchte man hier am Wochenende eine Kinderbetreuung. Genug Omis sind ja da. Aber: „Der kleine Nils möchte aus dem Kindergarten abgeholt werden. Sofort!“ klingt es dann durch die Flure und aus ist’s mit der gemütlichen Zweisamkeit. Ich bin richtig froh, schnell mal heimfahren zu können.

nasskalt

So hat die Liebste gestern wieder mich und meinen Durchhaltewillen aufgerichtet, der sich schon ziemlich verkrümelt hatte. Ein kleiner Spaziergang mit meinem Wuschel tat trotz Nieselregens allen Dreien gut. Der Kleine durfte mal wieder erfahren, wer hier das Herrchen ist, ich kam an die Luft und die Liebste hatte hundefrei. So ein Besuch zu Hause ist aber auch wie eine typische Wochenendbeziehung. Man erwartet so viel von den wenigen Stunden, dass der Druck vielleicht zu viel ist. Am Anfang mag man sogar ein bisschen fremdeln, um dann schon zur Halbzeit wieder den Abschiedsblues zu bekommen. Ein paar technische Dinge sind zu erledigen, Korrespondenz, Pflanzen gießen (ich hab den grünen Daumen als Einziger in der Familie) und kochen. Alles wertvolle Zeit, die vom Ganz-nah-sein abgeht. Trotzdem haben wir es uns gemütlich gemacht mit Adventskaffee, Stollen und Kerzchen. Und als krönenden Abschluss ein frugales Dinner: ein traumhaftes Maronensüppchen mit Bündner Fleisch und gebratene Jakobsmuscheln an Ruccola mit gratiniertem Ziegenkäse. Ein tolles Adventsessen als festlicher Kontrast zur sonst angesagten Diätküche. Hoffentlich bekomme ich heute Morgen nicht die Quittung auf der Waage!

pudelnasser Terrier

Ich bekomme die Quittung. In Gestalt von Werten, die sich störrisch in den gleichen Regionen bewegen wie noch vor einer Woche. Mist! Dabei hatte ich mich doch so viel bewegt. Gefühlte 10 Kilo hätten es weniger sein müssen. Folglich muss ich diese Woche noch mal an der Schraube drehen. Gleich mit dem Frühstück fange ich an und reduziere den ohnehin schon mageren Belag.

Anschließend ist Massage angesagt. Den Rückfall am Samstag spürt selbst der Therapeut heute noch. Alles sei verhärtet. Und er macht sich dran, den guten Zustand von letztem Freitag wieder herzustellen. Auch die anschliessende Ultraschallbehandlung tut merklich gut. Die Therapeutin bestärkt mich, nach der Reha so viele Behandlungen wie möglich von meinem Orthopäden einzufordern. Nur die kontinuierliche Ultraschall-Therapie würde etwas bringen.

Um 9:00 Uhr ist Visite und ich ignoriere die Frage der Stationsärztin nach meinem Herzen. Das schlägt und hält ansonsten den Mund. Mein Knie ist das gefühlte Problem. Ich erzähle von den Schwierigkeiten, die ich nun wieder habe und bitte, endlich einem Orthopäden vorgestellt zu werden. Sie will den Kollegen wegen eines Termines konsultieren und streicht erst mal alle ergotherapeutischen Anwendungen, die das Knie belasten können. Adieu Gruppengymnastik, adè Fahrradfahren. Das wären nämlich meine nächsten Stationen gewesen. So bleibt heute als Schwerpunkt die Ernährung. Gleich nach dem Mittagessen geht es mit einem Seminar dazu los.

Heute Mittag gibt es Fenchelgemüse. Wahlweise zu Lachs oder Hähnchenschnitzel. Wir haben alle den Fisch gewählt. Eine sehr gute Wahl, denn das Stück ist riesig und gar nicht trocken. Es schwimmt, wie sich das gehört, ordentlich in einer butterlastigen Weisswein-Soße. Der Fenchel dagegen stößt auf allgemeine Ablehnung. Für die Meisten ist das kein typisch deutsches Gemüse. Ich mag Fenchel vom Grill ganz gerne. Da hat er noch Biss und das Raucharoma passt gut. Hier ist er tot gedünstet, weich und labbrig, furchtbar. Alle lassen ihn liegen. Ich vermute, dass man uns nachher in der Lehrküche deswegen die Leviten lesen wird. Zur Strafe müssen wir ihn bestimmt noch einmal zubereiten.

Um 13:00 Uhr dann also Ernährungsberatung. Die nette Diätassistentin zählt die 10 Gebote der mediterranen Küche auf und vergleicht mit der deutschen. Genauso gut hätte sie einen wunderschönen Schmetterling mit einem Nashorn vergleichen können. Die meisten verstehen nicht, worum es geht. Und stören durch dumme Einwürfe. Ich stelle fest, dass wir zuhause im Prinzip schon mediterran essen. Nur zu viel eben. Zwei bis drei Mal Fleisch in der Woche, zwei Mal Fisch und zwei bis drei Mal vegetarisch. Das kommt schon oft so hin. Vielleicht noch morgens schon Gemüse. Gegrillte Paprika, Tomaten, Zwiebeln. Viel Obst, viele Salate. Und bestes Oliven- oder Rapsöl. Alkohol am besten in roter Form, zwei bis drei Gläser in der Woche. Das hört sich alles sehr gut und einfach an. Das dicke Ende soll aber noch kommen…

Anschließend Stressbewältigungsgruppe. Heute sind die Mechanismen dran, wie wir mit Stress umgehen. Und umgehen sollten. Zuerst fragt die Therapeutin, wie viel Prozent unserer Energie wir glauben, an den Job, an die Familie und an uns selber zu verteilen. Sie malt einen großen Kreis an das Flipchart. Keiner sagt was. OK, ich melde mich und sage, dass das schwierig sei, es ehrlich zu beantworten. Denn wir denken ja alle, dass wir unseren Stress im Griff haben. So habe ich meinen Traumjob und käme nicht im Traum darauf, gleich unter jeder Anforderung zusammen zu brechen. Der Infarkt hat mich ja auch staunend erwischt. Ich habe ihn nicht erwartet, weil ich zu viel Stress gehabt hätte. Ich schätze also, dass ich vielleicht 50% meiner Energie für den Job vorsehe und je 25 % für Familie und mich. Gleich danach korrigiere ich die Prognose auf 70 % für den Job, 20 % für die Family und 10 % für mich, weil ich zugeben muss, dass ich mich beim ersten Mal verschätzt haben könnte. Alle schütteln den Kopf. Auch die Therapeutin. Mit diesen Werten sei ich ein Musterbeispiel eines ausgeglichen Familienmenschen. Jetzt melden sich die anderen: 95 %, 98 % 100 % für den Job, den Rest für die Familie und nix für sich. Die Therapeutin ist zufrieden mit diesen Antworten. Das hat sie von Infarkten erwartet. Ich nicht. Das ist doch Blödsinn! Wenn ich den Schlaf abziehe, müsste ich 17,5 Stunden arbeiten und höchstens eine halbe für die Familie opfern. Ich arbeite aber normalerweise keine acht Stunden, bin morgens eine Stunde und abends ab 18/19 Uhr mind. vier Stunden für die Liebste da. Ich lese und surfe privat für mich im Netz. Die Therapeutin bittet mich, eine Strichliste anzulegen, wann ich was für wen tue. Schaun mer mal…

Dann suchen wir typische Faktoren, die den Stress bestimmen und ihre Entsprechungen zur Stressvermeidung. Hier beißt sich die Katze wieder in den Schwanz: Gegen Zeitvorgaben soll das Timing helfen. Gleichzeitig aber soll die Fremdbestimmung gegen die Selbstbestimmung getauscht werden. Konkret hieße das ja, ich huste meinem Kunden was, wenn er mir einen Termin vorgibt, mache meinen eigenen Plan und überhaupt was ICH will. Klar kann ich das machen. Dann habe ich sogar Zeit ohne Ende. Und keinen Kunden mehr. Der selbständige Maurerpolier neben mir flippt gleich aus. Saublöde Theorie. Der Stress entsteht auch in diesem Seminar, weil noch so viele Fragen offen sind, die dreiviertel Stunde aber um. Ich beschwere mich. Drei Wochen bin ich hier. In der ersten Woche passierte psychologisch nichts. Jetzt habe ich pro Woche gerade mal eine Sitzung. Zwei Stunden psychologische Betreuung! Das ist doch ein Witz. Dabei rühmen sie sich ob der hervorragenden psychologischen Betreuung.

Ich muss die Diskussion mit der Therapeutin, die mich auf den Beschwerdebogen verweisen will, abbrechen, denn die Lehrküche ruft. Sieben Probanden sollen noch mehr über Ernährung erfahren und zusammen ein Beispielmenü kochen. Das wird bestimmt lustig, denn ich bin ein eingefleischter Solokoch, der sich angeblich nichts sagen lässt. Die Runde verspricht ebenso einen kurzweiligen Nachmittag. Mein cholerisches Tischherzchen ist dabei, die quasselnde, aufgebrezelte Oma vom Rundgang am ersten Tag, nebst einer älteren Italienerin, die man kaum versteht. Dazu ein bulliger, polternder Installateur mit ordentlicher Wampe und ein hessisches Simpel-Urgestein. Und ein greiser Weinkenner, der sich pausenlos ein Gläschen Chardonnay einfordert. Die nette Diätassistentin vom Vortrag vorhin verteilt ein Arbeitsheft und lässt über das Thema abstimmen. Wir können etwas über Fett und Cholesterin lernen oder über Kohlenhydrate. Ersteres ist spannender und gewinnt die Abstimmung.

Die Assistentin legt los und ganz viele kleine 10g Butterpäckchen vor sich hin. Sechs liegen in zwei Dreierreihen neben- und aufeinander, zwei hochkant auf dieser Buttermauer. Das ist die Fettmenge, die uns zugestanden wird. 60 Gramm, wer abnehmen will, 80 Gramm für den Rest der Menschheit. Davon ist die Hälfte zum Brote bestreichen und die Pfanne vorgesehen. Die andere Hälfte symbolisiert die versteckten Fette, die wir zu uns nehmen dürfen. Also alles Fett, das in den Lebensmitteln schon drin ist. Die Päckchen nehmen sich mickrig aus. Das kann doch nicht stimmen! Süffisant grinsend nimmt die gar nicht mehr so nette Assistentin einen Snickers Schokoriegel, legt ihn vor uns hin und stapelt 3 Päckchen Butter von dem Haufen der versteckten Fette darauf. Tja, meine Damen und Herren, da ist die Hälfte schon weg! Dann greift sie eine Plastik-Rindswurst und legt die verbleibenden 3 Päckchen Butter daneben. Alles weg! Und noch kein Brötchen dazu, keine Pommes, kein Kuchen, kein Abendessen, nichts mehr!

„Scheiße!!!“ kommt es herzhaft aus Richtung des Installateurs. Jetzt legt die blöde Kuh nach: Eine Tafel Schokolade: 6 Päckchen Butter, eine kleine Tüte Chips: 6 Päckchen Butter. Erdnüsse ohne Fett geröstet? 1200 kcal!!! Die Teufelin grinst sardonisch: „Ich gehe morgens zu meinen Patienten, die auf 1.200 Kalorien gesetzt wurden und frage sie, ob sie heute was Vernünftiges essen oder lieber diese Nüsse haben möchten.“ Oder was für den Geist? Nüsse sind ja so gesund: Macadamia: 1.600 Kcal!!! Und so geht das noch ein paar Minuten weiter. Ich habe eigentlich schon genug gehört und möchte diesen ungastlichen Raum sofort verlassen. Ich habe Hunger. Aber auch Wissensdurst. So höre ich mir die restlichen Gemeinheiten dieser Hexe an und wir arbeiten uns alle ziemlich verstört durch die Mappe. Cholesterin ist fast noch gemeiner als Fett. In allem, was wir gerne essen, steckt das böse LDL (Lass Das Lieber) drin: Schalen- und Krustentiere, also Muscheln und Garnelen und Innereien. Adiö, geliebte Kutteln! Pro Woche nur zwei Eier. Eins zum Frühstück, eines zum Backen. Wovon soll denn jetzt der nette Herr Höfler leben, dessen biologisch gefütterte und wahrscheinlich mit warmem Apfelwein massierte Wonneproppenhühner uns ihre Supereier liefern?

Dann geht es ziemlich unmotiviert an’s Kochen. Ein komplettes Menü soll es werden: Zwiebelsuppe mit Käse überbacken, Lachs auf Paprika-Fenchel-Gemüse an Annakartoffeln, Apfel-Mango-Melonen-Frappè und zum Cappucino ein paar italienische Mandelplätzchen. Mein Tischnachbar-Herzchen zuckt zusammen: Fenchel! Ich hab’s ihm doch gesagt. Iss das auf, hab ich ihm gesagt, sonst müssen wir das nachkochen. Jetzt haben wir das Gemüse! Wir verteilen die Rollen. Ich darf die Kartoffeln schälen und in dünne Scheiben schnippseln. Leider machen zwei der Herren auch mit. Ich krieg beinahe die Krise, weil die die Scheiben viel zu dick schneiden. Ignorante Anfänger! Die Kartoffeln werden in eine Auflaufform geschichtet wie zum Gratin, mit Muskat gewürzt und mit Gemüsebrühe übergossen. Ab damit in den Ofen. Dann weise ich jede weitere Unterstützung energisch von mir und widme ich mich dem Frappè, schnippele ganze Äpfel (mit Schale), eine Mango und eine Honigmelone in kleine Stücke und püriere diese in einer hohen Schüssel. Mit Süßstoff soll nachgesüßt werden. Das reicht mir natürlich nicht. Es muss, Originalzitat meiner Liebsten, „immer noch ein bisschen Schischi rein!“. Ferz mit Kricke wie der Hesse sagt. Ich meine etwas Zimt, denn es ist ja Vorweihnachtszeit und natürlich ein gutes Händchen voller Chiliflocken. Da werden meine Beiköche aber Augen machen. Statt Minze, die die Assistentin vergessen hat, einzukaufen, nehme ich Basilikum und streue es oben auf die bis zum Rand gefüllten Dessertgläser. Ab damit in den Gefrierschrank.

Die anderen sind mit der Suppe soweit. Das Gemüse ist fertig gedünstet und mit Kräutern abgeschmeckt. Die kommen auch über die gebräunten Annakartoffeln. Man streitet noch über die Knoblauchmenge in der Suppe und Opa verlangt kategorisch nach einem süffigen Madeira, ohne den die Suppe einfach zu trocken wäre. Dann wird aufgetischt. Die Suppe war noch im Ofen mit einem Hauch fettreduziertem Käse versehen worden. Nun ja, so geht es zur Not auch. Schmeckt aber supergut! Nachdem sich die Brandblasen auf der Zunge zurück gebildet haben. Schade nur, dass es ein winziges Tellerchen voll war. Mit diesen Zwergenservicen haben sie es hier.
Der Lachs kommt in die beschichtete Pfanne, der die Hexe einen kurzen Blick auf eine Flasche Rapsöl gegönnt hatte. Es brutzelt verführerisch. Knusprig glänzt der Fisch auf dem Gemüse, umrandet von den goldgelben Anna-Kartoffeln. Es schmeckt göttlich! Nur Opa meckert. Er vermisst einen fruchtigen Chardonnay. Es gibt sogar Nachschlag von allem (natürlich mit zusätzlichen Kalorien, die gar nicht mitgerechnet werden).

Wohlig widmen wir uns dann der Frappè. Es gibt sogar Applaus für meine Würze, die Hexe ist begeistert und fängt an, mit mit zu flirten. Versuch es erst gar nicht, Schlange! Opa gefällt das Dessert natürlich überhaupt nicht. Es fehlt der Alkohol. Die Stimmung ist auf dem Höchstpunkt. Es heißt Abschied zu nehmen. Der tumbe Hesse drängt zum Aufbruch, denn er hofft, noch Abendbrot zu bekommen. Opa will zügig in die Cafeteria, ein Weinchen petzen. Die Italienerin quasselt unter Einsatz aller ihrer Hände mit der aufgebrezelten Dame. Die beiden werden noch Morgen hier sitzen.

Wir überlegen, ob es nun auch einen Spülkurs geben wird und wer die armen Schweine sind, die den belegt haben. Zu spät erkennen wir, dass dies für uns die letzte Lektion des Abends ist. Aufräumen ist angesagt. Zum Abschluss gibt es die gebackenen Plätzchen, hübsch in zweifarbige Servietten gehüllt. Die werde ich mir später im Zimmer als Gute-Nacht-Gutzchen auf der Zunge zergehen lassen. In Wirklichkeit erleben sie nicht mal mehr die Treppe dorthin. Einfach köstlich!

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